Einen so perfide geplanten Überfall hatte es zuvor in Magdeburg nicht gegeben

Gedenkrede zum 28. Jahrestag des Angriffs auf die „Elbterrassen“ und zum 28. Todestag von Torsten Lamprecht

 

Es war ein Maitag, an dem Torsten Lamprecht starb. Die Gaststätte „Elbterrassen“ in Cracau an der Elbe war zu DDR-Zeiten einer der wenigen Orte gewesen, wo Punks Zutritt hatten. Dort fand eine Geburtstagsfeier statt, von der Neonazis erfahren hatten. Überfälle rechtsextremer Skinheads auf Punks gehörten damals 1992 zum Alltag. Aber einen so perfide geplanten Überfall hatte es zuvor in Magdeburg nicht gegeben. Von mehreren Seiten griffen die rechten Skinheads die Feier an. Flucht so gut wie unmöglich. Am Ende des Überfalls gab es zahlreiche Verletzte und zwei Tage später einen Toten: Torsten Lamprecht.
Viel Zeit ist seitdem vergangen. Gibt es etwas, was die damaligen Ereignisse für heute lehren? Wer nach Halle und Hanau, die Orte rechter Anschläge der vergangenen Monate, schaut, kann daran Zweifel haben.
Damals wie heute waren sie schnell zur Stelle, die Stimmen der Beschwichtigung und der Verharmlosung. Nach dem Tod von Torsten Lamprecht hieß es: „Was legen die sich auch mit den rechten Skins an?“ Aus dem Weg gehen. Ruhig bleiben. Nicht provozieren lassen. Zu oft hören Betroffene rechter Gewalt, eigentlich hätten sie irgendwie Mitschuld an dem, was ihnen angetan wird. Man muss keine Sympathien mit Punks hegen, um zu sagen, dass dies nicht stimmt. Damals nicht und heute nicht. Rechte Gewalt ist menschenverachtend. Sie fragt nicht nach ihren Opfern.
Der Tod Torsten Lamprechts hat die Stadt Magdeburg damals über einige Wochen hinweg beschäftigt, dann interessierten sich nur noch jene dafür, die unmittelbar oder mittelbar von der Tat betroffen waren. Zu viele dachten damals und denken heute, rechte Gewalt betrifft mich nicht.
Aber eine Gesellschaft, die Ernst machen will mit der Menschenwürde, darf nicht gleichgültig bleiben gegenüber rechter Gewalt, egal gegen wen sie sich richtet. Damals, im Mai 1992 nicht. Und heute auch nicht.

Aufgrund der Corona-Pandemie laden wir heute zum individuellen Gedenken im Torsten-Lamprecht-Weg an der Brücke am Wasserfall ein. Zwischen 15.00 und 17.00 Uhr werden wir vor Ort sein und bei Fragen und Gesprächsbedarf zur Verfügung stehen.

28 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“

Aufruf zum individuellen Gedenken
28 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“ und zum 28. Todestag von Torsten Lamprecht

Zur Erinnerung an den Angriff auf die „Elbterrassen“ und den dabei von neonazistischen Skinheads ermordeten Torsten Lamprecht lädt das Bündnis gegen Rechts Magdeburg am Samstag, 9. Mai 2020 zum individuellen Gedenken am Torsten-Lamprecht Weg bei der Brücke am Wasserfall ein. Die ehemaligen „Elbterrassen“ befanden sich in unmittelbarer Nähe. Wir bitten um Einhaltung der aktuell gültigen Regeln zum Infektionsschutz. Zwischen 15.00 und 17.00 Uhr wird jemand von uns vor Ort sein und für Gespräche und Fragen zur Verfügung stehen.

Zum Hintergrund
Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche der Magdeburger Punk-Szene den Geburtstag eines Freundes in der Gaststätte „Elbterrassen“ im Stadtteil Cracau.
Kurz vor Mitternacht rissen etwa 60 neonazistische Skinheads das Tor zum Gelände auf und begannen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden einzuschlagen. Einer der Angreifer schoss mit Leuchtkugeln auf die panisch fliehenden Gäste. Während des 30minütigen Angriffs riefen die Neonazis immer wieder Parolen wie „Heil Hitler!“ und „Sieg Heil!“. Der Betreiber der „Elbterrassen“ schilderte später seine Eindrücke des Überfalls gegenüber der Magdeburger Volksstimme: „Keiner von uns wusste, was hier eigentlich passierte. Es war, als ob ein Krieg ausbrach.“ Da das Telefon nicht funktionierte, kletterte er über eine Mauer um Hilfe zu holen. In einer Nebenstraße traf er auf mehrere Streifenpolizisten. Diese verweigerten jedoch jegliche Unterstützung mit den Worten „Wir sind zu wenig Leute.“ Erst als die Angreifer bereits weg waren, traf die Verstärkung der Polizei am Ort des Geschehens ein. Dort versorgten bereits mehrere Notärzte die zum Teil schwerverletzten Partygäste. Acht von ihnen mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden – darunter Torsten Lamprecht. Er erlag am 11. Mai 1992 seiner schweren Schädelfraktur.
Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von Rechtsextremen und Rassisten zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte in Stadtfeld. Der Überfall auf die „Elbterrassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser Reihe von rechts motivierten Angriffen dar. Jahre später beschrieb ein Freund des ermordeten Torsten Lamprecht den Angriff als tiefen Einschnitt: „Aber seit dem 9. Mai 1992 ging es um Leben und Tod.“
Weitere Informationen hier.

13. April 1945: Massaker im Stadion Neue Welt

#Magdeburg75: Heute vor 75 Jahren, am 13. April 1945, starben bei einem Massaker von Volkssturmeinheiten und SS auf dem Gelände des Stadions Neue Welt mindestens 42 Häftlinge des evakuierten KZ Polte-Magdeburg. Einige Stunden zuvor hatten sie etwa 3.500 Häftlinge gewaltsam Richtung Osten durch die Stadt getrieben. Bei einer Rast auf dem Stadiongelände gerieten die Häftlinge unter Artilleriebeschuss amerikanischer Truppen. Unter Panik versuchten sie Deckung zu finden, woraufhin die Wachmannschaften auf die Fliehenden das Feuer eröffnete.
Nach dem Massaker wurden die Überlebenden erneut zusammengetrieben und in Marsch gesetzt. Als die weiblichen Häftlinge das KZ Ravensbrück erreichten, sind von den 3.000 Frauen des Außenlagers nur noch wenige Hundert am Leben. Die 500 männlichen KZ-Häftlinge marschierten weiter Richtung Sachsenhausen. Die Zahl der Opfer ihres Todesmarschs ist nicht bekannt.
Bereits zwei Tage zuvor, am 11. April 1945, hatte die SS, bereits ohne funktionsfähige Kommandostruktur, versucht, die Häftlinge zu einem Evakuierungsmarsch zusammenzutreiben. Aus Angst und vielleicht auch aus Hoffnung auf die baldige Befreiung durch die US-Armee widersetzten sich die Häftlinge den Anordnungen. Die SS schoss um sich, es gab viele Verletzte, doch musste die Lagerbewachung den Versuch zur Räumung schließlich aufgeben.

Eigentlich hatten wir geplant, heute zu einem gemeinsamen Weg zu Fuß vom Erinnerungsort zum KZ Polte-Magdeburg in der Liebknechtstraße bis zum Stadion Neue Welt an der Berliner Chaussee aufzurufen. Diese Veranstaltung muss – wie so viele andere – aufgrund der aktuellen Umstände ausfallen.

Internationale Wochen gegen Rassismus vom Sofa aus

Alle öffentlichen Veranstaltungen sind abgesagt und damit auch die „Internationalen Wochen ohne Rassismus“. Darum verlegen wir sie auf das heimische Sofa und beschäftigen uns von zuhause aus mit den Themen, die uns wichtig sind. Damit nicht jede*r alleine suchen muss, sammeln wir Angebote im Netz, die ohne Abonnement und kostenfrei zur Verfügung stehen. Auf unserer Veranstaltungsseite gibt es zusätzlich Angebote für Online-Veranstaltungen. So können wir die Zeit jetzt nutzen, um uns auf kommende Tage vorzubereiten, wenn es wieder Zeit sein wird, auf die Straßen zu gehen. (Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Wer Ergänzungen hat, kann uns das gerne mitteilen.)

Dauerhafte inhaltliche Angebote von A-Z

Apps

Bibliotheken und Bücher

  • „Exit Racism“ von Tupoka Ogette als Hörbuch
  • Über die Onleihe kann man mit einem Ausweis der Stadtbibliothek Ebooks ausleihen.
  • Bei der New York Public Library kann man über die App „SimplyE“ zahlreiche Ebooks in unterschiedlichen Sprachen ausleihen.

Bildung

Blogs, Webdokumentationen und Angebote von Mediatheken

Filme

Tipps für Dokumentarfilme gibt es auch bei „Dokuliebe“ (auch mit Suchfunktion). Das Internationale Dokumentarfilmfestival Amsterdam hat zahlreiche Filme kostenfrei online gestellt.

Kultur und Museen
Kultur und Museen virtuell besuchen für Perspektivwechsel und Förderung von Weltoffenheit. Kultur und Konzerte anschauen zum Genießen und Durchhalten.

Mitschnitte von Diskussionsrunden, Interviews, Vorträgen etc.

Online-Aktivismus

Podcasts und Radiosendungen

Resilienz

ist die Fähigkeit, Herausforderungen und Krisen gut bewältigen zu können. Wenn wir das jetzt einüben, wird es uns auch später helfen. Was wir jetzt tun können: Schönes genießen (daher auch die Infos zu Kultur und Mussen), Struktur und Regelmäßigkeit in den Alltag bringen, Kontakt halten zu anderen Menschen, Nachrichtenzeiten begrenzen, neue Dinge lernen… Und: Es ist normal, dass wir Zeit und Kraft brauchen, um uns an die neue Situation anzupassen.

Weiteres

Wochen der Solidarität statt öffentliche Wochen gegen Rassismus

Eigentlich sollten am Montag die Internationalen Wochen gegen Rassismus beginnen. Zahlreiche Menschen und Gruppen haben Veranstaltungen geplant und vorbereitet. Wichtige Themen und Probleme sollten aufgezeigt und diskutiert werden.
Doch aufgrund der Corona-Pandemie müssen jetzt viele Veranstaltungen abgesagt werden. Die offene Gesellschaft zieht sich in die Häuser zurück, um Ansteckungen zu verhindern und Schwächere zu schützen. Aus Internationalen Wochen gegen Rassismus können so Wochen der Solidarität werden, in denen wir gut für uns und unsere Mitmenschen sorgen, auf Schwächere Rücksicht nehmen, uns über Medien und das Internet informieren, Solidarität üben und Kraft schöpfen für kommende Tage, wenn es wieder Zeit sein wird, auf die Straßen zu gehen.
Kommen Sie gut durch die Tage!

Aktuelle Informationen zur Lage
gibt es bei der Landeshauptstadt Magdeburg, dem Land Sachsen-Anhalt und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (auch in unterschiedlichen Sprachen). Das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Magdeburg ist über eine neue Hotline (Tel. 540-2000 montags bis freitags 9h00 bis 14h00) und per Mail (hotline.corona@ga.magdeburg.de) erreichbar.

(Das Bild wurde am Rande eines Mahnmals am Monte Sole in der italienischen Region Emilia-Romagna aufgenommen. In dem „Massaker von Marzabotto“ verübten Ende September / Anfang Oktober 1944 Einheiten der SS und der deutschen Wehrmacht Kriegsverbrechen an der Bevölkerung und töten 770 Zivilist*innen. Die dort ansässige „Scuola di Pace Monte Sole“, die sich in der historisch-politischen und Friedensbildungsarbeit engagiert, musste wie viele andere Einrichtungen ihre Arbeit vorübergehend einstellen.)