9. Oktober: Gedenken und Solidarität zum Jahrestag des Anschlags in Halle/Saale

Am 9. Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, ereignete sich ein rechter Terroranschlag in Halle/Saale. Bei dem Anschlag wurden Jana L. und Kevin S. ermordet, zwei Menschen wurden schwer verletzt, weitere 52 Menschen, die sich zum Gebet an Jom Kippur in einer Synagoge versammelt hatten, entkamen dem Täter nur knapp.

Am ersten Jahrestag nach dem Anschlag wollen wir auch in Magdeburg gedenken, unsere Solidarität ausdrücken und deutlich machen, dass wir Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen von Menschenverachtung dauerhaft deutlich und entschieden entgegentreten müssen.

Für Freitag, 9. Oktober rufen wir daher dazu auf, sich an zwei verschiedenen Aktionen zu beteiligen: einer Kundgebung um 15.00 Uhr am Mahnmal der Alten Synagoge in der Julius-Bremer-Straße und der Reinigung der Stolpersteine, die als Zeichen der Solidarität und der Mahnung gereinigt werden sollen. Es soll noch organisierte Routen zum gemeinsamen Reinigen und Gedenken geben. Wer sich beteiligen möchte, kann auch einfach individuell aktiv werden. Einen Plan der Stolpersteine findet man hier und hier alphabetisch sortiert die Gedenkblätter. Zur Reinigung kann man handelsübliche Metallreiniger verwenden und bitte keine Hilfsmittel mit harter Oberfläche. (Nähere Informationen zur Reinigung z.B. hier)

Eine weitere Möglichkeit zur Beteiligung bietet sich bei den Mahnwachen an den Prozesstagen, die weiterhin jeweils morgens ca. eine Stunde vor Prozessbeginn und in der Mittagspause des Prozesses (meist zwischen 12.00 und 13.00 Uhr) stattfinden. Bei den Mahnwachen in der Mittagspause berichten z.T. Nebenkläger*innen oder Nebenklagevertreter*innen vom Geschehen im Prozess. Der nächste Termin ist der 13. Oktober ab 8.30 Uhr, die weiteren Prozesstermine finden sich hier.

Wer sich über den Fortgang und die Inhalte des Prozesses informieren möchte, findet hier eine gute Zusammenstellung von Blogs und Podcasts und hier eine ausführliche und mehrsprachige Dokumentation des Prozesses.

„Hass war und ist tödlich“

Gedenkrede zum 12. Todestag von Rick Langenstein

„Heute vor zwölf Jahren starb Rick Langenstein. Er wurde von einem Neonazi totgeprügelt, weil er das Wort erhob, weil er Haltung zeigte und deutlich machte: Neonazi sein, Menschenfeind sein, ist keine legitime Option.
In der Nacht des 16. August 2008 wollte Rick zusammen mit seinen Freund*innen tanzen und ausgelassen sein – hier in der Nähe in der Diskothek Funpark. Unbeschwert sollte der Sommer sein und voller Vorfreude auf das Kunststudium, das im Herbst beginnen sollte. Welche Pläne hatte er? Welche Kunst schwebte ihm vor? Wir werden es nicht erfahren. Denn in dieser Nacht traf er seinen Peiniger, einem bekennenden und vorbestraften Neonazi. Weil Rick den Täter als das bezeichnete, als was er sich selbst bekannte, wurde er angriffen. Er wurde getreten und geschlagen – so oft und so heftig bis er hilflos am Boden lag und an seinem Blut erstickte. Rick musste sterben, weil er kein Nazi war, weil er das Wort erhob. Das reichte aus, um von einem Nazi zum Feind erklärt zu werden.
Wir stehen heute hier und gedenken Rick Langenstein. Wir stehen hier und erinnern an die gewalttätigen Umstände seines Todes. Wir gedenken aber auch den vielen anderen Opfern und erinnern an die tödliche Dimension rechter Gewalt. Mindestens 208 Menschen kamen in Deutschland seit 1990 ums Leben – weil Nazis und Rassist*innen sie wie Rick zum Feind erklärten und attackierten. So wie Torsten Lamprecht und Frank Böttcher in Magdeburg, so wie Jana L. und Kevin S. in Halle.
Tagtäglich demütigen, bedrohen und drangsalieren rechtsextreme Menschenfeinde in Deutschland, in Sachsen-Anhalt, in Magdeburg Menschen – in Diskotheken, an Haltestellen, auf der Straße, im Internet. Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus sind auch heute noch tödliche Gefahren. Nicht zuletzt die Anschläge in Halle und Hanau haben dies erschreckend vor Augen geführt.
Gedenken wir der vielen Toten. Erinnern wir uns an ihre Namen, ihr Leben und die Umstände ihres Todes. Hören wir jenen zu, die bedroht werden. Hören wir zu, wenn sie von verletzenden Kommentaren in den Sozialen Medien berichten, wenn sie von Drohmails erzählen, wenn sie von Hassparolen am Rande von Kundgebungen sprechen. Hören wir ihnen zu und nehmen sie ernst. Nehmen wir ihre Sorgen und Ängste ernst. Nehmen wir die Gefahren ernst. Hass war und ist tödlich. Hass war und ist integraler Bestandteil rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Ideologien.
Hören wir den Betroffenen zu und erheben das Wort – gegen das Vergessen, gegen die Verharmlosung, gegen die Relativierung. Erheben wir wie Rick das Wort. Machen wir deutlich: Nazi sein, Menschenfeind sein, ist keine legitime Option. Erheben wir das Wort für eine Gesellschaft, in der jede und jeder ohne Angst verschieden sein und leben kann.
Hören wir zu und erheben das Wort – für Rick, für die Opfer rechter Gewalt, für jene, die auch heute bedroht und angegriffen werden.“

Zwölfter Todestag von Rick Langenstein: Einladung zum Gedenken am 16. August

Für Sonntag, den 16. August 2020, lädt das Bündnis gegen Rechts Magdeburg zum Gedenken an den vor zwölf Jahren von einem Neonazi getöteten Rick Langenstein ein. Die Veranstaltung beginnt um 16.00 Uhr am Gedenkstein im Hektorweg, Ecke Pallasweg im Stadtteil Reform.
Zum Infektionsschutz bitten wir Teilnehmende um die Nutzung einer geeigneten Mund-Nasen-Bedeckung und die Wahrung des Mindestabstandes.

Zum Hintergund

In der Nacht zum 16. August 2008 wurde der 20jährige Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek „Funpark“ (Magdeburg-Reform) so schwer durch Schläge und Tritte verletzt, dass er an seinem eigenen Blut erstickte. Zwei Tage nach der Tat nahm die Polizei einen wegen gefährlicher Körperverletzung, Volksverhetzung und räuberischer Erpressung vorbestraften Rechtsextremen fest. Das Landgericht Magdeburg verurteilte den bekennenden Neonazi zu acht Jahren Jugendstrafe wegen Totschlags und Diebstahls. Das Gericht sah als erwiesen an, dass der 19jährige den angehenden Kunststudenten Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek so brutal misshandelte, dass er noch am Tatort starb.

Familienangehörige und Freund*innen von Rick Langenstein fassten bereits nach der Beerdigung den Entschluss, am Tatort einen Stein zur Erinnerung und Mahnung aufzustellen. Unterstützung erhielten sie von verschiedenen Institutionen der Zivilgesellschaft sowie der Landeshauptstadt Magdeburg. An einer Unterschriftenaktion beteiligten sich mehr als 1.000 Menschen. Der Gedenkstein wurde 2009 wenige Meter vom Tatort entfernt auf öffentlichem Grund aufgestellt.

Einen so perfide geplanten Überfall hatte es zuvor in Magdeburg nicht gegeben

Gedenkrede zum 28. Jahrestag des Angriffs auf die „Elbterrassen“ und zum 28. Todestag von Torsten Lamprecht

 

Es war ein Maitag, an dem Torsten Lamprecht starb. Die Gaststätte „Elbterrassen“ in Cracau an der Elbe war zu DDR-Zeiten einer der wenigen Orte gewesen, wo Punks Zutritt hatten. Dort fand eine Geburtstagsfeier statt, von der Neonazis erfahren hatten. Überfälle rechtsextremer Skinheads auf Punks gehörten damals 1992 zum Alltag. Aber einen so perfide geplanten Überfall hatte es zuvor in Magdeburg nicht gegeben. Von mehreren Seiten griffen die rechten Skinheads die Feier an. Flucht so gut wie unmöglich. Am Ende des Überfalls gab es zahlreiche Verletzte und zwei Tage später einen Toten: Torsten Lamprecht.
Viel Zeit ist seitdem vergangen. Gibt es etwas, was die damaligen Ereignisse für heute lehren? Wer nach Halle und Hanau, die Orte rechter Anschläge der vergangenen Monate, schaut, kann daran Zweifel haben.
Damals wie heute waren sie schnell zur Stelle, die Stimmen der Beschwichtigung und der Verharmlosung. Nach dem Tod von Torsten Lamprecht hieß es: „Was legen die sich auch mit den rechten Skins an?“ Aus dem Weg gehen. Ruhig bleiben. Nicht provozieren lassen. Zu oft hören Betroffene rechter Gewalt, eigentlich hätten sie irgendwie Mitschuld an dem, was ihnen angetan wird. Man muss keine Sympathien mit Punks hegen, um zu sagen, dass dies nicht stimmt. Damals nicht und heute nicht. Rechte Gewalt ist menschenverachtend. Sie fragt nicht nach ihren Opfern.
Der Tod Torsten Lamprechts hat die Stadt Magdeburg damals über einige Wochen hinweg beschäftigt, dann interessierten sich nur noch jene dafür, die unmittelbar oder mittelbar von der Tat betroffen waren. Zu viele dachten damals und denken heute, rechte Gewalt betrifft mich nicht.
Aber eine Gesellschaft, die Ernst machen will mit der Menschenwürde, darf nicht gleichgültig bleiben gegenüber rechter Gewalt, egal gegen wen sie sich richtet. Damals, im Mai 1992 nicht. Und heute auch nicht.

Aufgrund der Corona-Pandemie laden wir heute zum individuellen Gedenken im Torsten-Lamprecht-Weg an der Brücke am Wasserfall ein. Zwischen 15.00 und 17.00 Uhr werden wir vor Ort sein und bei Fragen und Gesprächsbedarf zur Verfügung stehen.

28 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“

Aufruf zum individuellen Gedenken
28 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“ und zum 28. Todestag von Torsten Lamprecht

Zur Erinnerung an den Angriff auf die „Elbterrassen“ und den dabei von neonazistischen Skinheads ermordeten Torsten Lamprecht lädt das Bündnis gegen Rechts Magdeburg am Samstag, 9. Mai 2020 zum individuellen Gedenken am Torsten-Lamprecht Weg bei der Brücke am Wasserfall ein. Die ehemaligen „Elbterrassen“ befanden sich in unmittelbarer Nähe. Wir bitten um Einhaltung der aktuell gültigen Regeln zum Infektionsschutz. Zwischen 15.00 und 17.00 Uhr wird jemand von uns vor Ort sein und für Gespräche und Fragen zur Verfügung stehen.

Zum Hintergrund
Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche der Magdeburger Punk-Szene den Geburtstag eines Freundes in der Gaststätte „Elbterrassen“ im Stadtteil Cracau.
Kurz vor Mitternacht rissen etwa 60 neonazistische Skinheads das Tor zum Gelände auf und begannen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden einzuschlagen. Einer der Angreifer schoss mit Leuchtkugeln auf die panisch fliehenden Gäste. Während des 30minütigen Angriffs riefen die Neonazis immer wieder Parolen wie „Heil Hitler!“ und „Sieg Heil!“. Der Betreiber der „Elbterrassen“ schilderte später seine Eindrücke des Überfalls gegenüber der Magdeburger Volksstimme: „Keiner von uns wusste, was hier eigentlich passierte. Es war, als ob ein Krieg ausbrach.“ Da das Telefon nicht funktionierte, kletterte er über eine Mauer um Hilfe zu holen. In einer Nebenstraße traf er auf mehrere Streifenpolizisten. Diese verweigerten jedoch jegliche Unterstützung mit den Worten „Wir sind zu wenig Leute.“ Erst als die Angreifer bereits weg waren, traf die Verstärkung der Polizei am Ort des Geschehens ein. Dort versorgten bereits mehrere Notärzte die zum Teil schwerverletzten Partygäste. Acht von ihnen mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden – darunter Torsten Lamprecht. Er erlag am 11. Mai 1992 seiner schweren Schädelfraktur.
Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von Rechtsextremen und Rassisten zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte in Stadtfeld. Der Überfall auf die „Elbterrassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser Reihe von rechts motivierten Angriffen dar. Jahre später beschrieb ein Freund des ermordeten Torsten Lamprecht den Angriff als tiefen Einschnitt: „Aber seit dem 9. Mai 1992 ging es um Leben und Tod.“
Weitere Informationen hier.