„Es zieht sich eine Blutspur durch unser Land…“

Perspektiven aus dem Bundestag zu den Ereignissen am Himmelfahrtstag 1994 in Magdeburg

 

Am 12. Mai 1994, dem Himmelfahrtstag, jagten 50-60 bewaffnete Neonazis stundenlang Migrant*innen durch die Magdeburger Innenstadt und prügelten auf sie ein.
Nachdem wir im letzten Jahr migrantische Perspektiven dazu veröffentlicht haben, werfen wir in diesem Jahr zur Erinnerung einen Blick auf die „Aktuelle Stunde betr. Bundesgesetzliche Konsequenzen aus rechtsradikalen Ausschreitungen in Deutschland am Beispiel der jüngsten Vorfälle in Magdeburg“, die am 18. Mai 1994 im Bundestag stattgefunden hat.

„Ausländerfeindliche Brutalität und Gewalttätigkeiten drohen zur Normalität zu werden.“
„… auch für das internationale Ansehen der Deutschen waren die Ereignisse vom 12. Mai ein herber Rückschlag.“
„Der Polizeibericht liest sich wie ein Drehbuch für einen Horrorfilm…“
„Es gab Warnungen. Es waren nicht Krawalle aus besoffenem Kopf heraus.“
„Die Nazis ziehen mit Hitler-Gruß an der Bevölkerung vorbei, ziehen mit Hitler-Gruß an der Polizei vorbei, und nichts geschieht.“
„Was soll der Schauprozess heute? … Es sind Deutsche und Ausländer Opfer.“
„Ist es deshalb richtig zu sagen, daß wir in Deutschland einen Überschuß an Kälte haben? Ist das angesichts der Tatsache gerechtfertigt, daß wir Lichterketten in Deutschland haben?“
„Wie viele Magdeburger haben weggesehen?“
„Wer Ausländer als verbrechensanfälliger und damit als potentiell und tendenziell Kriminelle generell verdächtigt…, der leistet der latenten und wachsenden Pogromhaltung in großen Teilen der deutschen Bevölkerung … Vorschub.“
„Ich möchte auch nicht den Eindruck erweckt wissen, daß wir sozusagen rechte Gewalt mehr bekämpfen müßten als linke Gewalt…“
„Jahrelang hat der Zeitgeist oder ein übertriebener Liberalismus die Kapitulation des Staates vor dem Unrecht gefördert.“
„Diesmal waren es rechtsextremistisch verführte Jugendliche… Vor einige Wochen waren es Ausländer… Das muß uns besonders beunruhigen, weil diese Taten wiederum Aggressionen gegen Ausländer zu wecken vermögen…“
„In was für einer Gesellschaft leben wir, in der es schon als Errungenschaft gefeiert wird, dass sich die zuschauende Bevölkerung bei Ausschreitungen gegen Mitmenschen passiv verhält und nicht … Beifall klatscht?“
„… wir müssen ein ureigenstes innenpolitisches Interesse daran haben, dass jeder, ob Ausländer oder Deutscher, bei uns frei von Angst vor Gewalt leben kann.“

Bild: Titelbild der Broschüre des „Verein Nachbarschaftliches Cracau-Prester“, in der im Nachgang der Ereignisse Aussagen von Zeuginnen und Zeugen anonymisiert veröffentlicht wurde.
Quelle der Zitate: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 12/227. Stenographischer Bericht der 227. Sitzung in Bonn am 18. Mai 1994. Online hier.

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„Torsten Lamprechts Tod war ein bestürzender Einschnitt in der Entwicklung rechter Gewalttaten“

Gedenkansprache zum 9. Mai 2018

Vor 26 Jahren starb der 23jährige Torsten Lamprecht an seinen tödlichen Verletzungen nach einem Skinhead-Überfall auf die Elbterassen – hier, an diesem Ort.

Damals war schnell die Rede von Auseinandersetzungen unter Jugendlichen, von „sinnloser Gewalt“ und den Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs in der Wendezeit. Symptomatisch für die damalige Debatte über rechte Gewalt war eine weit verbreitete Entpolitisierung. In der allgemeinen Rede einer angeblich sprunghaft zugenommenen Jugendgewalt trat der Kontext der Tat in den Hintergrund. Kaum zur Sprachen kamen systematische Versuche von Neonazis, Migrant*innen und alternative Jugendliche einzuschüchtern und zu vertreiben. Kaum zur Sprache kamen die Umstände, die Torsten Lamprechts Tod ermöglichten und begleiteten – der organisierten Vorbereitung des Überfalls, das Versagen der Polizei oder Politiker*innen, die die Schuld am Überfall den Punks zuweisen wollten.

Torsten Lamprechts Tod war ein bestürzender Einschnitt in der Entwicklung rechter Gewalttaten. Und doch spiegelte er ihre Kontinuität. Bereits in der Endphase der DDR war Magdeburg für seine rechte Szene bekannt. Fußballspiele waren die Bühne für neonazistische Inszenierungen – für Hitlergrüße und Beschimpfungen als „Juden“. Nach dem Spiel gegen den BFC Dynamo Berlin am 5. April 1988 kam es zu einer Hetzjagd auf Punks in der Magdeburger Innenstadt. Ein Jahr später feierten 30 alkoholisierte Skins den sogenannten Führergeburtstag. In den Abendstunden des 20. Aprils 1989 zogen sie durch die Innenstadt und grölten rechte Parolen.

Ein Bericht des LKA aus dem Jahr 1991 führt Magdeburg als Hochburg der rechten Szene in Ostdeutschland seit 1987 auf. Nach der Wende erhielt sie immensen Zulauf durch rechte Fußballfans und Anhänger der Heavy-Metal-Szene. Ideologische Feindbestimmung, hohe Gewaltbereitschaft und das Machtvakuum der Nachwendejahre beförderten die Entgrenzung rechter Gewalt.

Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von rechten Skinheads zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte. Der Überfall auf die „Elbterassen“ stellte einen traurigen und vorläufigen Höhepunkt dieser rechten Gewaltserie dar.

Auch danach riss die Kette rechter und rassistischer Gewalt in Magdeburg nicht ab. Am Himmelfahrtstag 1994 hetzten Dutzende Neonazis Migrantinnen und Migranten durch die Innenstadt. Erneut griff die Polizei nicht ein. Im Gegenteil: Sie nahm einen Teil der Opfer in Gewahrsam. Der damalige Polizeipräsident Stockmann verharmloste die rassistische Hetzjagd: Alkohol und Sonne hätten dazu geführt, dass einige „über die Strenge schlugen“.

Am 8. Februar 1997 wurde der 17-jährige Frank Böttcher im Stadtteil Neu-Olvenstedt von einem gleichaltrigen Neonazi mit einem Messer angegriffen. Er erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. In der Nacht zum 16. August 2008 verletzte ein Rechtsextremer den 20-jährigen Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek „Funpark“ in Magdeburg so schwer, dass er an seinem eigenen Blut erstickte.

Noch immer werden rechte und rassistische Gewalttaten verharmlost, entpolitisiert oder entschuldigt: Damals als Reaktion auf linke Provokationen, heute als Folge einer als bedrohlich beschriebenen Zuwanderung. Noch immer sind in Sachsen-Anhalt nicht alle 13 Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt anerkannt. Noch immer haben die Opfer nur einen prekären – mitunter sogar überhaupt keinen – Platz im öffentlichen Gedächtnis.

Wir gedenken heute Torsten Lamprecht um zu zeigen: Die Opfer rechter Gewalt haben ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte, eine Würde. Wir sind an diesen Ort gekommen, um zu sagen: Torsten, Frank und Rick, ihr seid nicht vergessen. Wir gedenken der Opfer rechter Gewalt – von damals und heute, um daran zu erinnern: Es bleibt eine dauerhafte Arbeit, den Opfern in aller Öffentlichkeit ihre Würde zurück zu geben. Es bleibt eine Aufgabe uns stark zu machen – für eine Gesellschaft, in der alle in Würde und ohne Angst verschieden sein und leben können.

26 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“

Gedenken
26 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“
und zum 26. Todestag von Torsten Lamprecht

 

Das Bündnis gegen Rechts Magdeburg erinnert am Mittwoch, dem 9. Mai 2018 um 16.00 Uhr mit einer Mahnwache an den Angriff auf die „Elbterrassen“ und den dabei von neonazistischen Skinheads ermordeten Torsten Lamprecht.
Wir laden Sie herzlich zur Gedenkveranstaltung am Torsten-Lamprecht Weg / Ecke Brücke am Wasserfall ein. Der Veranstaltungsort befindet sich in unmittelbarer Nähe der ehemaligen „Elbterrassen“.

Zum Hintergrund
Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche der Magdeburger Punk-Szene den Geburtstag eines Freundes in der Gaststätte „Elbterrassen“ im Stadtteil Cracau.
Kurz vor Mitternacht rissen etwa 60 neonazistische Skinheads das Tor zum Gelände auf und begannen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden einzuschlagen. Einer der Angreifer schoss mit Leuchtkugeln auf die panisch fliehenden Gäste. Während des 30-minütigen Angriffs riefen die Neonazis immer wieder Parolen wie „Heil Hitler!“ und „Sieg Heil!“. Der Betreiber der „Elbterrassen“ schilderte später seine Eindrücke des Überfalls gegenüber der Magdeburger Volksstimme: „Keiner von uns wusste, was hier eigentlich passierte. Es war, als ob ein Krieg ausbrach.“ Da das Telefon nicht funktionierte, kletterte er über eine Mauer um Hilfe zu holen. In einer Nebenstraße traf er auf mehrere Streifenpolizisten. Diese verweigerten jedoch jegliche Unterstützung mit den Worten „Wir sind zu wenig Leute.“ Erst als die Angreifer bereits weg waren, traf die Verstärkung der Polizei am Ort des Geschehens ein. Dort versorgten bereits mehrere Notärzte die zum Teil schwerverletzten Partygäste. Acht von ihnen mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden – darunter Torsten Lamprecht. Er erlag am 11. Mai 1992 seiner schweren Schä-delfraktur.
Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von Rechtsextremen und Rassisten zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte in Stadtfeld. Der Überfall auf die „Elbterrassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser Reihe von rechts motivierten Angriffen dar. Jahre später beschrieb ein Freund des ermordeten Torsten Lamprecht den Angriff als tiefen Einschnitt: „Aber seit dem 9. Mai 1992 ging es um Leben und Tod.“
Nähere Informationen zum Hintergrund hier.

75. Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma

Unku (Erna Lauenburger) 1935 in Dessau-Roßlau (Fotograf: Hanns Weltzel, Quelle: University of Liverpool Library) – AJZ Dessau

Einladung zum Gedenken an die Deportation und Ermordung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Am 1. März 2018 jährt sich zum 75. Mal die Deportation der Sinti und Roma aus dem „Zigeunerlager“ am Holzweg/Silberberg in Magdeburg nach Auschwitz. Dort wurde 340 von ihnen – Kinder, Frauen und Männer – ermordet. Ihrer möchten wir an diesem Tag gedenken.
Die Gedenkveranstaltung findet um 16.00 Uhr an der Namensstele im Flora-Park (Olvenstedter Graseweg, Fußgängerzugang zum Florapark) statt.

Der 75. Jahrestag der Deportation der Sinti und Roma ist zudem Anlass für weitere Veranstaltungen:

Lesung: „Auf dem bisherigen Platze waren sie dem bewohnten Ortsteile zu nahe“
am 1. März um 17.00 Uhr in der Stadtteilbibliothek Florapark

Im Anschluss an das Gedenken berichtet Pascal Begrich, Historiker und Geschäftsführer von Miteinander e.V., mit einer kommentierten Lesung von der Verfolgung der Sinti und Roma in Magdeburg während des Nationalsozialismus.

Wanderausstellung: „…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig“
vom 1.-31. März in der Zentralbibliothek

In den 1930er Jahren fotografierte Hanss Weltzel vorwiegend Sinti, aber auch einige Roma in Dessau-Roßlau. Nach der Ausweisung aus Dessau-Roßlau Anfang 1938 wurden viele der Fotografierten in das „Zigeunerlager am Holzweg“ in Magdeburg gezwungen. Die Ausstellung wurde von Jana Müller (AJZ Dessau) und Prof. Eve Rosenhaft erarbeitet. Eine Kooperation der Stadtbibliothek mit dem Alternativen Jugendzentrum Dessau.

Vernissage zur Ausstellung: „…vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig“
am 2. März um 16.00 Uhr in der Zentralbibliothek

Zur Eröffnung der Wanderausstellung zeigt Jana Müller Filmdokumente und einzigartige Fotos, die das Alltagsleben der verfolgten Sinti und Roma im Nationalsozialismus dokumentieren. Eine Kooperation der Stadtbibliothek mit dem Alternativen Jugendzentrum Dessau.

Lesung: „Ede und Unku – die wahre Geschichte“
am 6. März um 19.30 Uhr in der Zentralbibliothek

„Ede und Unku“ erschien 1931. Die Autorin Alex Wedding erzählt darin von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Arbeiterjungen Ede und dem Sintimädchen Unku. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Buch verboten. Unku – eigentlich Erna Lauenberger –  wurde 1943 in Auschwitz ermordet. In „Ede und Unku – die wahre Geschichte“ erzählen Juliane von Wedemeyer und Janko Lauenburger, „Unkus Ur-Cousin“, über das Leben von Erna Lauenberger und gleichzeitig über Janko Lauenburgers Leben als Sintikind in der DDR. Eine Kooperation der Stadtbibliothek mit Miteinander e.V., gefördert im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie in der Landeshauptstadt Magdeburg vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Bundesprogramm „Demokratie leben!“.

„Die Menschenfeindlichkeit rechter und rassistischer Täter hat keine Argumente“

Rede zum Gedenken zum 21. Todestag von Frank Böttcher

Was lässt sich über die Gewalt von Neonazis der Neunziger Jahre sagen, was nicht schon gesagt wäre? Dass sie nicht endet. Dass bei den von ihr Betroffenen die Angst bleibt. Sagen lässt sich auch, dass jene, die ihr Leben verloren, fehlen. Sie fehlen ihren Freund*innen, ihren Verwandten. Immer noch. Und an den Jahrestagen, die Todestage sind, besonders.
Wir gedenken auch in diesem Jahr des Todes Frank Böttchers im Februar 1997. Es gibt keine historischen Konjunktive. Aber könnte Frank Böttcher noch leben, wenn er nicht mit der Straßenbahn hier nach Olvenstedt gekommen wäre, um sich eine Handverletzung behandeln zu lassen? Vielleicht. Die Angst in der Straßenbahn angegriffen zu werden war für potentiell Betroffene rechter Gewalt allgegenwärtig. Ist es heute anders? Am vergangenen Montag war von einem Angriff auf einen Mann zu lesen, der in der Straßenbahn rassistisch beleidigt und geschlagen wurde. Daran können wir sehen: die Angst Straßenbahn zu fahren ist für potentiell Betroffene rechter Gewalt nicht aus der Luft gegriffen.
Über die von Neonazis ausgeübte Gewalt lässt sich sagen: Sie ist scheinbar endlos, vielgestaltig. Aber sie ist schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein genommen. Ihre Kontinuitätslinien werden vielfach nicht gesehen. Aber sie sind da. Die Betroffenen wissen darum.
Frank Böttcher musste sterben, nicht weil er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen wäre. Nicht, weil er mit der Straßenbahn nach Olvenstedt kam, wovon er wusste, dass es gefährlich war. Nein. Frank Böttcher musste sterben, weil sie ein jugendlicher Neonazi sich von seinem Aussehen provoziert fühlte. Von seinem Irokesenschnitt in rot. Die Menschenfeindlichkeit rechter und rassistischer Täter hat keine Argumente. Sie sucht ihre Anlässe und Rechtfertigungen: bunte Haare, Kopftücher, lange Haare, Hautfarben. Vom Wort zur Gewalt ist es zu oft nur ein kurzer Weg. Wie bei Frank Böttcher und den anderen Opfern rechter Gewalt
Deshalb sind wir hierher gekommen, um an Frank Böttcher zu erinnern. Wir sind gekommen, um zu sagen: Es ist nicht vorbei mit rechter Gewalt und Rassismus. In Magdeburg nicht und andernorts auch nicht.