Tag der Erinnerung am 11. Juni

Tag der Erinnerung an Alberto Adriano und alle Opfer rechter Gewalt am 11. Juni 2021 – in Magdeburg um 9.00 Uhr am Torsten-Lamprecht-Weg, an der Endhaltestelle „Klinikum Olvenstedt“ und im Hektorweg

Am 11. Juni 2000 wird Alberto Adriano im Dessauer Stadtpark bei einem rassistischen Angriff von drei neonazistischen Skinheads tödlich verletzt. Er stirbt nach drei Tagen im Koma am 14. Juni an seinen schweren Kopfverletzungen.

Aus diesem Anlass beteiligen wir uns als Bündnis gegen Rechts gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V. und Miteinander e.V. an einer landesweiten Aktion und gedenken auch in Magdeburg der anderen Todesopfer rechter Gewalt an den jweiligen Tat- und Gedenkorten.

Wir werden daher an den Gedenkorten am Torsten-Lamprecht-Weg, an der Endhaltestelle „Klinikum Olvenstedt“ und im Hektorweg am Freitag, 11. Juni um 9.00 Uhr Blumen niederlegen und Torsten Lamprecht (1992), Frank Böttcher (1997) und Rick Langenstein (2008) gedenken. Wir laden ein, unter Beachtung der Hygieneregeln dazuzukommen oder zu einer individuellen Zeit zu gedenken.

Podcast zum Gedenken an Torsten Lamprecht

Am 9. Mai 1992 überfielen rund 60 neonazistische Skinheads eine Geburtstagsfeier von Punks in der Gaststätte „Elbterrassen“ am heutigen Torsten-Lamprecht-Weg und schlugen mit Baseballschlägern, Flaschen und Zaunlatten auf die Feiernden ein. Torsten Lamprecht wurde dabei so schwer verletzt, dass er am 11. Mai 1992 verstarb.

Wir haben gemeinsam mit Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V. und dem Netzwerk für Demokratie und Courage Sachsen-Anhalt einen Podcast erstellt, der hier zu hören ist.

Aufgrund der Infektionslage laden wir in diesem Jahr zum individuellen Gedenken am Torsten-Lamprecht-Weg an der Brücke am Wasserfall ein.

Todesmarsch und Massaker im Stadion Neue Welt im April 1945

Anfang April 1945 standen die amerikanischen und britischen und bald auch die sowjetischen Truppen im Raum Magdeburg-Anhalt. Daraufhin schickte man auch hier die Häftlinge der zahlreichen Außenkommandos, in denen sie zur Arbeit für die Rüstungsindustrie gezwungen worden waren, auf Todesmärsche, v. a. in Richtung der Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen.

Das KZ-Außenlager bei der Brabag in Magdeburg-Rothensee war bereits im Februar 1945 geräumt worden, im KZ-Außenlager Polte-Magdeburg, wo v.a. Frauen und Männer aus Ost- und Mitteleuropa inhaftiert waren, begann das Lagerregime auseinander zu brechen. Die Amerikaner hatten am 11. April die Grenze des Stadtgebiets erreicht.

Das Polte-Werk an der heutigen Liebknechtstraße stand auf einmal leer, ebenso wie die Kommandantur des Außenlagers. Die Kommandanten hatten die Flucht ergriffen. Ihnen folgten an den nächsten beiden Tagen nach und nach die SS-Wachmänner und Aufseherinnen. Zuvor hatten sie – bereits ohne funktionsfähige Kommandostruktur – versucht, die geschundenen Häftlinge zu einem Evakuierungsmarsch zusammenzutreiben. Aus Angst und vielleicht auch aus Hoffnung auf die baldige Befreiung durch die US-Armee widersetzten sich die Häftlinge den Anordnungen. Die SS schoss um sich, es gab viele Verletzte, doch musste die Lagerbewachung den Versuch zur Räumung schließlich aufgeben.

Vor diesem Hintergrund erhielt nun die Volkssturmkompanie Magdeburg-Neustadt am 11. April 1945 den Befehl, die KZ-Häftlinge zusammenzutreiben und abzutransportieren. Am Abend des 12. April erreichten zwei Volkssturmzüge das kleinformatige Konzentrationslager und bereiteten seine Evakuierung vor. In den frühen Morgenstunden des 13. April in der Zeit zwischen vier und sechs Uhr wurden die inhaftierten Männer und Frauen mit wütendem Hundegebell geweckt und gewaltsam aus den Baracken getrieben. Weit mehr als 3.000 Häftlinge – in der Mehrzahl Frauen – setzten sich in Begleitung der schwer bewaffneten Volksturmeinheiten und Angehörigen der Hitlerjugend in Marsch durch das Stadtgebiet Richtung Osten. Die völlig entkräfteten Menschen benötigten unter ständigen Misshandlungen Stunden für den Weg zur Strombrücke über die Elbe. Auf dem Gelände des Stadions „Neue Welt“ sahen sich die Bewacher zu einer Rastpause gezwungen.

Auf dem Stadiongelände gerieten die Häftlinge plötzlich unter Artilleriebeschuss amerikanischer Truppen, die im südöstlichen Stadtgebiet standen. Zeitzeugen berichten von mindestens zwei explodierenden Granaten bzw. einer ganzen Salve. Es gab mehrere Tote und Verletzte. Die Häftlinge versuchten voller Panik in den angrenzenden Sträuchern Deckung zu suchen oder zu fliehen. Daraufhin eröffneten die Volkssturmeinheiten das Feuer. Von einem Barackenlager des Volkssturms in unmittelbarer Nähe des Stadions wurde ebenfalls auf die Häftlinge geschossen. Das Feuer der Wachmannschaften hielt etwa eine halbe Stunde an.

Wie viele Häftlinge das Massaker nicht überlebten, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in den fünfziger Jahren bestätigen eine Zahl von 42 Toten, wovon etwa ein Drittel durch den Artilleriebeschuss der Amerikaner ums Leben gekommen sei. Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf die Ermordeten, deren verscharrte Leichen nach Kriegsende in unmittelbarer Nähe des Stadions gefunden wurden. Die Schilderungen ehemaliger Häftlinge enthalten zwar überwiegend keine Zahlen, lassen aber den Schluss zu, dass wahrscheinlich deutlich mehr Menschen zu Tode kamen.

Nach dem Massaker wurden die Überlebenden erneut zusammengetrieben und in Marsch Richtung Osten geschickt. Als die weiblichen Häftlinge schließlich das KZ Ravensbrück erreichten, waren von den knapp 3.000 Frauen, die aus dem Außenkommando Polte-Magdeburg auf den Todesmarsch getrieben wurden, nur noch etwa 600 am Leben. Die männlichen KZ-Häftlinge aus Magdeburg marschierten weiter Richtung Sachsenhausen. Von dort ging es in mehreren Kolonnen in Richtung Rostock.

Im Zusammenhang mit dem Massaker im Stadion „Neue Welt“ fand 1951 in Magdeburg ein Gerichtsverfahren gegen drei damalige Volkssturmangehörige statt. Sie wurden wegen der Ermordung von KZ-Häftlingen angeklagt und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Allerdings sprach das Landgericht Magdeburg im August 1952 die Angeklagten im Revisionsverfahren aus Mangel an eindeutigen Beweisen für ihre Tatbeteiligung frei.

(Dieser Text beruht auf Arbeiten der AG Gedenkjahr Magdeburg.)

„Der Porajmos war der mörderische Höhepunkt…“

Aus den Gedenkreden am 1. März 2021

„Zu den Insassen des Lagers und den Verschleppten zählten … Erna Lauenburger, genannt Unku, ihre beiden Töchter, ihre Mutter und ihre Großmutter. Der Vater der Mädchen, Otto Schmidt, war bereits im Zuge der reichsweiten sogenannten „Aktion Arbeitsscheu“ verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen worden. Am 20. November 1942 starb er nach Fleckfieberversuchen des Robert Koch-Instituts durch eine Injektion.“

„Der Porajmos war der mörderische Höhepunkt einer Jahrhunderte langen Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma in Deutschland und Europa. … Im aufgeklärten 19. Jahrhundert ließen Behörden und Wissenschaft nichts unversucht, um Sinti und Roma zu einem parasitären und zivilisationsresistenten Pariavolk zu degradieren. … Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wuchs der Verfolgungsdruck auf Sinti und Roma. Es begann eine Politik der Exklusion und Internierung.  Magdeburg gehörte zu den ersten Städten im Deutschen Reich, die im März 1935 ein umzäuntes und bewachtes Lager für Sinti und Roma – hier an dieser Stelle – einrichteten.

Die historisch verfestigten Stereotype prägen auch heute noch europaweit die Einstellungen gegenüber den Sinti und Roma. Diskriminierungen und extreme soziale Benachteiligungen sind für viele von ihnen weiterhin Realität. So stellt die 10. Leipziger Autoritarismustudie aus dem letzten Jahr fest: … im Jahr 2020 [geben] 41,9% der Befragten an, dass sie Probleme damit hätten, »wenn sich Sinti und Roma in [ihrer] Gegend aufhalten«. Mehr als ein Drittel der Befragten ist der Ansicht, dass Sinti und Roma »aus den Innenstädten verbannt« werden sollten, und hier ist die Zustimmung unter den ostdeutschen Befragten mit 41,3% besonders hoch. Über die Hälfte der Befragten waren der Überzeugung, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen würden.

Immer wieder kommt es auch zu Bedrohungen von Sinti und Roma bis hin zu tödlicher Gewalt. Unter den Opfern des rassistischen Terroranschlags am 19. Februar 2020 in Hanau waren auch drei Rom*nja, untter ihnen die 35jährige Mercedes Kierpacz, deren Großvater im Porajmos ermordet wurde.

Trotz dieser Befunde aus Geschichte und Gegenwart werden die Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen von Sinti und Roma noch immer kaum wahrgenommen oder nicht ernstgenommen… Dem heißt es, sich entgegenzustellen und Solidarität mit den Diskriminierten zu üben.“