10. und 11. November: Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus

Für den 10. November rufen die Evangelische Jugend der EKM und der DGB Sachsen- Anhalt dazu auf, ein sichtbares Zeichen zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus und Erinnerung der Novemberpogrome 1938 zu setzen. „1938 waren Menschen mit Fackeln unterwegs. Sie steckten Synagogen an. Sie warfen Steine in jüdische Geschäfte. Sie grölten, sie schlugen, sie töteten. … Es ist heute, im Jahr 2018 unerträglich mit anzusehen, dass wieder Fackelmärsche im November in Magdeburg veranstaltet werden. In Solidarität mit den Opfern und im Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus, beziehen wir Position im Heute für eine demokratische und weltoffene Gesellschaft und Mahnen der Vergangenheit.“
Beginn der Mahnwache am 10. November ist um 18.00 Uhr am Mahnmal der zerstörten Synagoge.

Ebenfalls am 10. November wird im Dom zu einem Meditationsweg zu Christen und Juden in der Geschichte Magdeburgs stattfinden. Beginn ist um 17.30 Uhr in der Ernstkapelle im Dom.

Das Gedenken an die Novemberpogrome findet wegen des Schabbat am 11. November statt. Beginn ist um 14.30 Uhr im Forum Gestaltung. Anschließend gibt es einen Gedenkweg zum Synagogenmahnmal, um Kerzen und Blumen niederzulegen. Danach geht es zum zukünftigen Standort der neuen Synagoge.

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Zehnter Todestag von Rick Langenstein

Für Donnerstag, den 16. August 2018, lädt das Bündnis gegen Rechts Magdeburg zu einer Gedenkstunde für den vor zehn Jahren von einem Neonazi getöteten Rick Langenstein ein. Das Gedenken beginnt um 16.00 Uhr am Pallasweg, Ecke Hektorweg im Stadtteil Reform. „Mit der Kundgebung wollen wir ein Zeichen setzen gegen rechte Gewalt.“, so Pascal Begrich vom BgR. „Wir erinnern an Rick Langenstein, um zu zeigen – die Opfer rechter Gewalt haben ein Gesicht, eine Geschichte, eine Würde.“ Begrich verwies in diesem Zusammenhang auch auf Torsten Lamprecht und Frank Böttcher, die 1992 bzw. 1997 in Magdeburg ebenfalls durch Rechtsextreme ums Leben kamen. Der letzte schwerwiegende rechts motivierte Angriff liegt erst zwei Monate zurück, als ein Mann unter rassistischen Beleidigungen seinen Kampfhund auf eine syrische Familie hetzte und sie verletzte.

Zum Hintergund

In der Nacht zum 16. August 2008 wurde der 20jährige Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek „Funpark“ (Magdeburg-Reform) so schwer durch Schläge und Tritte verletzt, dass er an seinem eigenen Blut erstickte. Zwei Tage nach der Tat nahm die Polizei einen wegen gefährlicher Körperverletzung, Volksverhetzung und räuberischer Erpressung vorbestraften Rechtsextremen fest. Das Landgericht Magdeburg verurteilte den bekennenden Neonazi Bastian zu acht Jahren Jugendstrafe wegen Totschlags und Diebstahls. Das Gericht sah als erwiesen an, dass der 19jährige den angehenden Kunststudenten Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek so brutal misshandelte, dass er noch am Tatort starb.

Familienangehörige und Freund*innen von Rick Langenstein fassten bereits nach der Beerdigung den Entschluss, am Tatort einen Stein zur Erinnerung und Mahnung aufzustellen. Unterstützung erhielten sie von verschiedenen Institutionen der Zivilgesellschaft sowie der Landeshauptstadt Magdeburg. An einer Unterschriftenaktion beteiligten sich mehr als 1.000 Menschen. Der Gedenkstein wurde 2009 wenige Meter vom Tatort entfernt auf öffentlichem Grund aufgestellt.

„Es zieht sich eine Blutspur durch unser Land…“

Perspektiven aus dem Bundestag zu den Ereignissen am Himmelfahrtstag 1994 in Magdeburg

 

Am 12. Mai 1994, dem Himmelfahrtstag, jagten 50-60 bewaffnete Neonazis stundenlang Migrant*innen durch die Magdeburger Innenstadt und prügelten auf sie ein.
Nachdem wir im letzten Jahr migrantische Perspektiven dazu veröffentlicht haben, werfen wir in diesem Jahr zur Erinnerung einen Blick auf die „Aktuelle Stunde betr. Bundesgesetzliche Konsequenzen aus rechtsradikalen Ausschreitungen in Deutschland am Beispiel der jüngsten Vorfälle in Magdeburg“, die am 18. Mai 1994 im Bundestag stattgefunden hat.

„Ausländerfeindliche Brutalität und Gewalttätigkeiten drohen zur Normalität zu werden.“
„… auch für das internationale Ansehen der Deutschen waren die Ereignisse vom 12. Mai ein herber Rückschlag.“
„Der Polizeibericht liest sich wie ein Drehbuch für einen Horrorfilm…“
„Es gab Warnungen. Es waren nicht Krawalle aus besoffenem Kopf heraus.“
„Die Nazis ziehen mit Hitler-Gruß an der Bevölkerung vorbei, ziehen mit Hitler-Gruß an der Polizei vorbei, und nichts geschieht.“
„Was soll der Schauprozess heute? … Es sind Deutsche und Ausländer Opfer.“
„Ist es deshalb richtig zu sagen, daß wir in Deutschland einen Überschuß an Kälte haben? Ist das angesichts der Tatsache gerechtfertigt, daß wir Lichterketten in Deutschland haben?“
„Wie viele Magdeburger haben weggesehen?“
„Wer Ausländer als verbrechensanfälliger und damit als potentiell und tendenziell Kriminelle generell verdächtigt…, der leistet der latenten und wachsenden Pogromhaltung in großen Teilen der deutschen Bevölkerung … Vorschub.“
„Ich möchte auch nicht den Eindruck erweckt wissen, daß wir sozusagen rechte Gewalt mehr bekämpfen müßten als linke Gewalt…“
„Jahrelang hat der Zeitgeist oder ein übertriebener Liberalismus die Kapitulation des Staates vor dem Unrecht gefördert.“
„Diesmal waren es rechtsextremistisch verführte Jugendliche… Vor einige Wochen waren es Ausländer… Das muß uns besonders beunruhigen, weil diese Taten wiederum Aggressionen gegen Ausländer zu wecken vermögen…“
„In was für einer Gesellschaft leben wir, in der es schon als Errungenschaft gefeiert wird, dass sich die zuschauende Bevölkerung bei Ausschreitungen gegen Mitmenschen passiv verhält und nicht … Beifall klatscht?“
„… wir müssen ein ureigenstes innenpolitisches Interesse daran haben, dass jeder, ob Ausländer oder Deutscher, bei uns frei von Angst vor Gewalt leben kann.“

Bild: Titelbild der Broschüre des „Verein Nachbarschaftliches Cracau-Prester“, in der im Nachgang der Ereignisse Aussagen von Zeuginnen und Zeugen anonymisiert veröffentlicht wurde.
Quelle der Zitate: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 12/227. Stenographischer Bericht der 227. Sitzung in Bonn am 18. Mai 1994. Online hier.

„Torsten Lamprechts Tod war ein bestürzender Einschnitt in der Entwicklung rechter Gewalttaten“

Gedenkansprache zum 9. Mai 2018

Vor 26 Jahren starb der 23jährige Torsten Lamprecht an seinen tödlichen Verletzungen nach einem Skinhead-Überfall auf die Elbterassen – hier, an diesem Ort.

Damals war schnell die Rede von Auseinandersetzungen unter Jugendlichen, von „sinnloser Gewalt“ und den Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs in der Wendezeit. Symptomatisch für die damalige Debatte über rechte Gewalt war eine weit verbreitete Entpolitisierung. In der allgemeinen Rede einer angeblich sprunghaft zugenommenen Jugendgewalt trat der Kontext der Tat in den Hintergrund. Kaum zur Sprachen kamen systematische Versuche von Neonazis, Migrant*innen und alternative Jugendliche einzuschüchtern und zu vertreiben. Kaum zur Sprache kamen die Umstände, die Torsten Lamprechts Tod ermöglichten und begleiteten – der organisierten Vorbereitung des Überfalls, das Versagen der Polizei oder Politiker*innen, die die Schuld am Überfall den Punks zuweisen wollten.

Torsten Lamprechts Tod war ein bestürzender Einschnitt in der Entwicklung rechter Gewalttaten. Und doch spiegelte er ihre Kontinuität. Bereits in der Endphase der DDR war Magdeburg für seine rechte Szene bekannt. Fußballspiele waren die Bühne für neonazistische Inszenierungen – für Hitlergrüße und Beschimpfungen als „Juden“. Nach dem Spiel gegen den BFC Dynamo Berlin am 5. April 1988 kam es zu einer Hetzjagd auf Punks in der Magdeburger Innenstadt. Ein Jahr später feierten 30 alkoholisierte Skins den sogenannten Führergeburtstag. In den Abendstunden des 20. Aprils 1989 zogen sie durch die Innenstadt und grölten rechte Parolen.

Ein Bericht des LKA aus dem Jahr 1991 führt Magdeburg als Hochburg der rechten Szene in Ostdeutschland seit 1987 auf. Nach der Wende erhielt sie immensen Zulauf durch rechte Fußballfans und Anhänger der Heavy-Metal-Szene. Ideologische Feindbestimmung, hohe Gewaltbereitschaft und das Machtvakuum der Nachwendejahre beförderten die Entgrenzung rechter Gewalt.

Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von rechten Skinheads zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte. Der Überfall auf die „Elbterassen“ stellte einen traurigen und vorläufigen Höhepunkt dieser rechten Gewaltserie dar.

Auch danach riss die Kette rechter und rassistischer Gewalt in Magdeburg nicht ab. Am Himmelfahrtstag 1994 hetzten Dutzende Neonazis Migrantinnen und Migranten durch die Innenstadt. Erneut griff die Polizei nicht ein. Im Gegenteil: Sie nahm einen Teil der Opfer in Gewahrsam. Der damalige Polizeipräsident Stockmann verharmloste die rassistische Hetzjagd: Alkohol und Sonne hätten dazu geführt, dass einige „über die Strenge schlugen“.

Am 8. Februar 1997 wurde der 17-jährige Frank Böttcher im Stadtteil Neu-Olvenstedt von einem gleichaltrigen Neonazi mit einem Messer angegriffen. Er erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. In der Nacht zum 16. August 2008 verletzte ein Rechtsextremer den 20-jährigen Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek „Funpark“ in Magdeburg so schwer, dass er an seinem eigenen Blut erstickte.

Noch immer werden rechte und rassistische Gewalttaten verharmlost, entpolitisiert oder entschuldigt: Damals als Reaktion auf linke Provokationen, heute als Folge einer als bedrohlich beschriebenen Zuwanderung. Noch immer sind in Sachsen-Anhalt nicht alle 13 Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt anerkannt. Noch immer haben die Opfer nur einen prekären – mitunter sogar überhaupt keinen – Platz im öffentlichen Gedächtnis.

Wir gedenken heute Torsten Lamprecht um zu zeigen: Die Opfer rechter Gewalt haben ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte, eine Würde. Wir sind an diesen Ort gekommen, um zu sagen: Torsten, Frank und Rick, ihr seid nicht vergessen. Wir gedenken der Opfer rechter Gewalt – von damals und heute, um daran zu erinnern: Es bleibt eine dauerhafte Arbeit, den Opfern in aller Öffentlichkeit ihre Würde zurück zu geben. Es bleibt eine Aufgabe uns stark zu machen – für eine Gesellschaft, in der alle in Würde und ohne Angst verschieden sein und leben können.

26 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“

Gedenken
26 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“
und zum 26. Todestag von Torsten Lamprecht

 

Das Bündnis gegen Rechts Magdeburg erinnert am Mittwoch, dem 9. Mai 2018 um 16.00 Uhr mit einer Mahnwache an den Angriff auf die „Elbterrassen“ und den dabei von neonazistischen Skinheads ermordeten Torsten Lamprecht.
Wir laden Sie herzlich zur Gedenkveranstaltung am Torsten-Lamprecht Weg / Ecke Brücke am Wasserfall ein. Der Veranstaltungsort befindet sich in unmittelbarer Nähe der ehemaligen „Elbterrassen“.

Zum Hintergrund
Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche der Magdeburger Punk-Szene den Geburtstag eines Freundes in der Gaststätte „Elbterrassen“ im Stadtteil Cracau.
Kurz vor Mitternacht rissen etwa 60 neonazistische Skinheads das Tor zum Gelände auf und begannen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden einzuschlagen. Einer der Angreifer schoss mit Leuchtkugeln auf die panisch fliehenden Gäste. Während des 30-minütigen Angriffs riefen die Neonazis immer wieder Parolen wie „Heil Hitler!“ und „Sieg Heil!“. Der Betreiber der „Elbterrassen“ schilderte später seine Eindrücke des Überfalls gegenüber der Magdeburger Volksstimme: „Keiner von uns wusste, was hier eigentlich passierte. Es war, als ob ein Krieg ausbrach.“ Da das Telefon nicht funktionierte, kletterte er über eine Mauer um Hilfe zu holen. In einer Nebenstraße traf er auf mehrere Streifenpolizisten. Diese verweigerten jedoch jegliche Unterstützung mit den Worten „Wir sind zu wenig Leute.“ Erst als die Angreifer bereits weg waren, traf die Verstärkung der Polizei am Ort des Geschehens ein. Dort versorgten bereits mehrere Notärzte die zum Teil schwerverletzten Partygäste. Acht von ihnen mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden – darunter Torsten Lamprecht. Er erlag am 11. Mai 1992 seiner schweren Schä-delfraktur.
Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von Rechtsextremen und Rassisten zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte in Stadtfeld. Der Überfall auf die „Elbterrassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser Reihe von rechts motivierten Angriffen dar. Jahre später beschrieb ein Freund des ermordeten Torsten Lamprecht den Angriff als tiefen Einschnitt: „Aber seit dem 9. Mai 1992 ging es um Leben und Tod.“
Nähere Informationen zum Hintergrund hier.