„Die Menschenfeindlichkeit rechter und rassistischer Täter hat keine Argumente“

Rede zum Gedenken zum 21. Todestag von Frank Böttcher

Was lässt sich über die Gewalt von Neonazis der Neunziger Jahre sagen, was nicht schon gesagt wäre? Dass sie nicht endet. Dass bei den von ihr Betroffenen die Angst bleibt. Sagen lässt sich auch, dass jene, die ihr Leben verloren, fehlen. Sie fehlen ihren Freund*innen, ihren Verwandten. Immer noch. Und an den Jahrestagen, die Todestage sind, besonders.
Wir gedenken auch in diesem Jahr des Todes Frank Böttchers im Februar 1997. Es gibt keine historischen Konjunktive. Aber könnte Frank Böttcher noch leben, wenn er nicht mit der Straßenbahn hier nach Olvenstedt gekommen wäre, um sich eine Handverletzung behandeln zu lassen? Vielleicht. Die Angst in der Straßenbahn angegriffen zu werden war für potentiell Betroffene rechter Gewalt allgegenwärtig. Ist es heute anders? Am vergangenen Montag war von einem Angriff auf einen Mann zu lesen, der in der Straßenbahn rassistisch beleidigt und geschlagen wurde. Daran können wir sehen: die Angst Straßenbahn zu fahren ist für potentiell Betroffene rechter Gewalt nicht aus der Luft gegriffen.
Über die von Neonazis ausgeübte Gewalt lässt sich sagen: Sie ist scheinbar endlos, vielgestaltig. Aber sie ist schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein genommen. Ihre Kontinuitätslinien werden vielfach nicht gesehen. Aber sie sind da. Die Betroffenen wissen darum.
Frank Böttcher musste sterben, nicht weil er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen wäre. Nicht, weil er mit der Straßenbahn nach Olvenstedt kam, wovon er wusste, dass es gefährlich war. Nein. Frank Böttcher musste sterben, weil sie ein jugendlicher Neonazi sich von seinem Aussehen provoziert fühlte. Von seinem Irokesenschnitt in rot. Die Menschenfeindlichkeit rechter und rassistischer Täter hat keine Argumente. Sie sucht ihre Anlässe und Rechtfertigungen: bunte Haare, Kopftücher, lange Haare, Hautfarben. Vom Wort zur Gewalt ist es zu oft nur ein kurzer Weg. Wie bei Frank Böttcher und den anderen Opfern rechter Gewalt
Deshalb sind wir hierher gekommen, um an Frank Böttcher zu erinnern. Wir sind gekommen, um zu sagen: Es ist nicht vorbei mit rechter Gewalt und Rassismus. In Magdeburg nicht und andernorts auch nicht.

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21. Todestag von Frank Böttcher: Einladung zum Gedenken

Am 8. Februar jährt sich der Angriff auf Frank Böttcher zum einundzwanzigsten Mal.
Darum laden wir zu einer Gedenkveranstaltung am Donnerstag, 8. Februar um 16.00 Uhr am Gedenkstein an der Haltestelle „Klinikum Olvenstedt“ ein.

Frank Böttcher wurde von einem neonazistischen Skinhead aus Hass auf Punks getötet.
Wir rufen die Umstände seines Todes in Erinnerung und fragen danach, was heute in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Ausgrenzung, Gewalt und Hass gegenüber Minderheiten alltäglich geworden sind, zu tun ist.
Wir gedenken des Todes von Frank Böttcher und setzen damit ein deutliches Zeichen für eine offene und demokratische Gesellschaft.

Nähere Informationen zum Hintergrund gibt es hier.

Was haben Heather Heyer und Rick Langenstein miteinander zu tun?

Gedenkrede zum 9. Todestag von Rick Langenstein am 16. August 2017

„Was haben Heather Heyer und Rick Langenstein miteinander zu tun? Auf den ersten Blick verbindet beide nichts. Rick Langenstein lebte in Magdeburg, bereitete sich gerade auf ein Studium vor und war politisch gar nicht aktiv, geriet an einen Neonazi, dessen Ideenwelt er verachtete. Der nahm ihm das Leben.
Heather Heyer, jene junge Frau, die vor fast einer Woche von einem Neonazi in Charlottsville überfahren wurde, war Gewerkschaftsmitglied und politisch aktiv.
Auf den ersten Blick trennen beide also Welten.

Und dennoch haben beide etwas gemeinsam. Rick Langenstein und Heather Heyer wurden beide Opfer ein und derselben Ideologie der Menschenverachtung. Neonazis sind auf der ganzen Welt der Überzeugung, das Recht des Stärkeren durchsetzen zu müssen. Dies ist tödlich. Und das konnten wir vor wenigen Tagen in den USA sehen.
„Say her name.“ Dieser Satz war nach dem Tod von Heather Heyer in den USA überall zu lesen. Sagt ihren Namen. Wir sind hier, um an Rick Langenstein zu erinnern. Wir sind hier, um seinen Namen zu nennen, damit nicht vergessen wird, was mit Rick Langenstein geschehen ist. Wir sind hier, um zu sagen, dass wir die Gewalt von Neonazis und weißen Rassist*innen nicht mit Ignoranz oder Vergessen quittieren.
Das Leben von Rick Langenstein und Heather Heyer hätte unterschiedlicher nicht verlaufen können. Beide wurden aus dem Leben und aus einem Aufbruch in ihr eigenes Leben herausgerissen. Rick Langenstein hatte wie Heather Heyer sein ganzes Leben noch vor sich. Soweit die Orte des Geschehens auseinanderliegen mögen: Neonazis und ihre Gewalt ist überall auf der Welt tödlich.

Deshalb sind wir heute hier um an Rick Langenstein und an Heather Heyer zu erinnern, und daran, dass die Gewalt von Neonazis geächtet werden muss – überall.

9. Todestag von Rick Langenstein: Einladung zum Gedenken am 16. August

Für Mittwoch, 16. August, lädt das Bündnis gegen Rechts Magdeburg zu einer Gedenkzeit für den vor neun Jahren von einem Neonazi getöteten Rick Langenstein ein. Das Gedenken beginnt um 16.00 Uhr am Gedenkstein im Hektorweg, Ecke Pallasweg im Stadtteil Reform.

Zum Hintergund
In der Nacht zum 16. August 2008 wurde der 20jährige Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek „Funpark so schwer durch Schläge und Tritte verletzt, dass er an seinem eigenen Blut erstickte. Zwei Tage nach der Tat nahm die Polizei einen wegen gefährlicher Körperverletzung, Volksverhetzung und räuberischer Erpressung vorbestraften Rechtsextremen fest. Das Landgericht Magdeburg verurteilte den 19jährigen bekennenden Neonazi zu acht Jahren Jugendstrafe wegen Totschlags und Diebstahls. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er den angehenden Kunststudenten Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek so brutal misshandelte, dass er noch am Tatort starb.

Literatur und weitere Links: Text zu Rick Langenstein auf der Internetseite „Wir erinnern an Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt“

„Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe…“

Migrantische Perspektiven auf den Himmelfahrtstag 1994

„Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe…“ So die Aussage eines Migranten nach dem Himmelfahrtstag des Jahres 1994 in Magdeburg.
Am 12. Mai 1994, dem Himmelfahrtstag, jagten 50-60 bewaffnete Neonazis stundenlang Migrant_innen durch die Magdeburger Innenstadt und prügelten auf sie ein.
Der „Verein Nachbarschaftliches Cracau-Prester“ hat im Nachgang der Ereignisse Aussagen von Zeuginnen und Zeugen gesammelt und anonymisiert in einer Broschüre veröffentlicht.
Zum heutigen 23. Jahrestag der Ereignisse veröffentlichen wir Aussagen von Migrantinnen und Migranten zu den Geschehnissen am 12. Mai 1994, die wir dieser Broschüre und den im Internet zugänglichen Medienberichten entnommen haben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Ausgewogenheit, sondern zur Erinnerung der Ereignisse und zur Wahrnehmung der migrantischen Perspektiven.

„Ich war allein. Da hörte ich vom Karstadt her Rufe „Ausländer raus!“. Ich sah Leute weglaufen. Ich sah auch an der Ecke vom Breiten-Weg auf der Karstadt-Seite Leute mit Baseballschlägern und Plastikknüppeln.“
„Ich stand … bis 15.30 Uhr etwa … im Eingang zum Mc-Donalds … Der Lärm wurde immer mehr. Ich sah Leute schnell weglaufen. Plötzlich bekam ich einen Fußtritt von hinten. … Da waren Nazis, und sie riefen: Ausländer raus!“
„Als ich die Straße bei der Ampel in Höhe der Johanniskirche überquerte, war da ein Polizeimann. Der hielt mich fest, riß mich am Hemd.“
„Zwei junge Schwarze, die wohl von den Vorfällen nichts wußten und gerade aus Mc Donalds herauskamen, wurden sofort von den Rechtsradikalen angegriffen und alle Leute, die beim Café Flair saßen, mischten sich in das Gewühl ein. Plötzlich wurde wir auch von Rechtsradikalen umgeben vor den Augen der Polizei.“
„… es gelang ihnen sogar, die Scheiben der Straßenbahn, in der wir uns befanden zu zerschlagen und uns mit Steinen zu bewerfen.“
„Wir kamen zum Breiten Weg – Ausländerbehörde, dort trafen wir auf genausoviel Nazis, die Steine auf uns warfen.“
„Draußen … saßen deutsche junge Männer auf der Terrasse … Als wir vorbeigingen standen die auf und riefen u.a.: Ausländer raus! Dann ging alles ganz schnell: Die Nazis hatten Knüppel und ein paar warfen mit den Stühlen nach uns.“
„Wir wollten in einem Taxi fliehen und wurden nicht mitgenommen.“
„Am nächsten Morgen wurden wir vor 5.00 Uhr entlassen.“
„Niemand hat uns geholfen. Nicht die Polizei, nicht die Bürger von Magdeburg.“
„Seit Donnerstag wissen wir: Es kann jederzeit passieren, am hellichten Tag. Wir könnten getötet werden und keiner würde uns helfen.“
„Ich kann nicht sagen, daß ich keine Angst habe. Aber wir müssen doch frei laufen können. Wie andere Leute.“

Veranstaltungshinweis
„Torsten Lamprecht ist tot!“ Die Stadtgesellschaft und die Erinnerungskultur an die rechte Gewalt der Neunziger Jahre

Unter diesem Titel lädt das Bündnis gegen Rechts Magdeburg zu einer Diskussionsrunde am Mittwoch, dem 17. Mai 2017 um 19.30 Uhr in die Feuerwache (Halberstädter Strasse 140) ein.
1992: Angriff auf die „Elbterrassen“ und Tod von Torsten Lamprecht, 1994: „Himmelfahrtskrawalle“, 1997: tödlicher Angriff auf Frank Böttcher: Die Neunziger Jahre waren ein Jahrzehnt massiver rechter Gewalt. Wir wollen in der Veranstaltung zurückschauen auf diese Zeit zurück- und davon ausgehend auf heute schauen: Was hat sich in der Magdeburger Stadtgesellschaft im Umgang mit rechter Gewalt seitdem verändert? Was müsste noch getan werden?
Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zu der Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.