„Das Problem dieser Fratze der rechten Gewalt hat uns wieder erreicht.“

Perspektiven aus dem Landtag zu den Ereignissen am Himmelfahrtstag 1994 in Magdeburg

 

Am 12. Mai 1994, dem Himmelfahrtstag, jagten 50-60 bewaffnete Neonazis stundenlang Migrant*innen durch die Magdeburger Innenstadt und prügelten auf sie ein.
Nachdem wir in den letzten Jahren migrantische Perspektiven und Perspektiven aus dem Bundestag dazu veröffentlicht haben, werfen wir in diesem Jahr zur Erinnerung einen Blick auf die Debatte am 26. Mai 1994 im Landtag von Sachsen-Anhalt.

„Das Bild vom bösen Deutschen ging um die Welt. Magdeburg wurde in eine Reihe mit Hoyerswerda, Rostock und Solingen eingeordnet. Dabei wurden auch die Ereignisse … an den Elbterrassen wieder aktuell.“
„Da waren bekannte und zugleich alkoholisierte Rechtsextremisten auf dem Weg in unsere Stadt, da war eine durch den Verfassungsschutz vorgewarnte Einsatzleitung der Polizei, und da waren schließlich auch Ausländer. Diese Mischung sollte sich im Verlaufe des Tages als explosiv erweisen.“
„Den trittbrettfahrenden Neonazis wurde Raum für ihre erbärmlichen Schaustellungen gegeben.“
„Die Mitarbeiter der „Kugelblitze“ hatten 15 Minuten lang vergeblich versucht, über Notruf die Polizei zu verständigen.“
„Was soll die Bevölkerung, was sollen insbesondere ausländische Mitbürger von einer Polizei halten, die Gewalttätigkeiten gegen Menschen und Sachwerte im wesentlichen nur registriert, im übrigen aber die Gefahrenabwehr den Angegriffenen in Selbstjustiz überlässt.“
„Woran sollen sich Polizeibeamte und vor allem Polizeiführer orientieren, wenn ausländerfeindliche Gewalt von der Polizeiführung als bessere Wirtshausschlägerei dargestellt und offensichtliches Fehlverhalten verharmlost wird?“
„Oberste Priorität hat das Sicherheitsinteresse der Bevölkerung, und dazu gehören auch die Ausländer unter uns.“
„War dieses erbärmliche Geschehen zu verhindern?“
„Die fremdenfeindlichen Vorfälle an Christi Himmelfahrt in Magdeburg hätten sich an jedem anderen Tag und in jeder anderen Stadt ereignen können.“
„… die öffentliche Diskussion auch hier so geführt wurde, als wären wir in Sachsen-Anhalt der Hort des politischen Rechtsextremismus und ein Schwerpunkt der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland.“
„Wie kann man nur so naiv sein und behaupten, man sei völlig überrascht, dass in Deutschland plötzlich wieder rechte Gewalt auf den Straßen ist?“
„Es geht um die Frage, wie wir in solchen Diskussionen mit dem Ruf unseres Landes und mit dem Ruf der Menschen, die hier leben, umgehen.“
„Es geht nicht um die Frage, ob wir ein Hort der Rechtsradikalen sind, sondern es geht eigentlich um die Frage: Was können wir dazu tun, dass aus dem, was sich jetzt schon zeigt, nicht noch mehr wird?“

Bild: Titelbild der Broschüre des „Verein Nachbarschaftliches Cracau-Prester“, die im Nachgang der Ereignisse Aussagen von Zeuginnen und Zeugen anonymisiert veröffentlicht hat.
Quelle der Zitate: Landtag von Sachsen-Anhalt: Plenarprotokoll 1/62 vom 26.05.1994. Stenographischer Bericht 62. Sitzung am Donnerstag, dem 26. Mai 1994, in Magdeburg, Landtagsgebäude, S. 7342-7361. Online hier.

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„Es ist eine Frage der Sichtbarkeit“

Ansprache zum Gedenken 27 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“ und an den dabei ermordeten Torsten Lamprecht

 

„Es ist eine Frage der Sichtbarkeit. Todesopfer rechter Gewalt in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, bedarf der Sichtbarkeit ihrer Personen und der Orte, an denen sie zu Tode kamen. Hier am Wasserfall ist ein solcher Ort. Hier am Torsten-Lamprecht-Weg. Es ist nur ein kleines Schild, aber ein wichtiges Zeichen, welches auf die damaligen Geschehnisse im Mai 1992 verweist.
Es ist eine Frage der Sichtbarkeit.
Als einer der Gründe für das Nicht-Eingreifen der Behörden wurde damals angeführt, der Ort des Überfalls sei unübersichtlich und schwer einsehbar. Dies mag so gewesen sein.
Was am Ende des vielleicht 15 Minuten währenden Angriffs auf eine Geburtstagsfeier an den „Elbterrassen“ stand, war in den Tagen danach in der Zeitung zu sehen: schwerverletzte, blutüberströmte Partygäste, zerschlagenes Mobiliar und wenige Tage später: ein Toter. Torsten Lamprecht.
In den Wochen danach rangen die Betroffenen des Überfalls neonazistischer Skinheads um Gehör und Sichtbarkeit dessen, was ihnen widerfahren war. Es gab eine Gedenkdemonstration, die hier um die Ecke ihren Ausgangspunkt nahm.
Der Tod Torsten Lamprechts ist Teil der dunklen Seite der Geschichte der Wiedervereinigung und der Jahre unmittelbar danach. Es ist an der Zeit, im Zyklus der kommenden Gedenkfeiern auch daran zu erinnern, dass die nationalistische Mobilisierung im Zuge der deutschen Einheit Gewalttaten mit sich brachte, deren bis heute anhaltenden Folgen im öffentlichen Bewusstsein nicht verankert sind.
Es ist eine Frage der Sichtbarkeit. Wo haben die Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt der zurückliegenden Jahrzehnte einen bleibenden Platz in der Erinnerung? Einer dieser Plätze ist hier am Wasserfall.“

9. Mai: Gedenken 27 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“

Das Bündnis gegen Rechts Magdeburg erinnert am Donnerstag, 9. Mai 2019 um 16.00 Uhr mit einer Mahnwache an den Angriff auf die „Elbterrassen“ und den dabei von neonazistischen Skinheads ermordeten Torsten Lamprecht.
Wir laden Sie herzlich zur Gedenkveranstaltung am Torsten-Lamprecht Weg / Ecke Brücke am Wasserfall ein. Der Veranstaltungsort befindet sich in unmittelbarer Nähe der ehemaligen „Elbterrassen“.

Zum Hintergrund
Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche der Magdeburger Punk-Szene den Geburtstag eines Freundes in der Gaststätte „Elbterrassen“ im Stadtteil Cracau.
Kurz vor Mitternacht rissen etwa 60 neonazistische Skinheads das Tor zum Gelände auf und begannen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden einzuschlagen. Einer der Angreifer schoss mit Leuchtkugeln auf die panisch fliehenden Gäste. Während des 30-minütigen Angriffs riefen die Neonazis immer wieder Parolen wie „Heil Hitler!“ und „Sieg Heil!“. Der Betreiber der „Elbterrassen“ schilderte später seine Eindrücke des Überfalls gegenüber der Magdeburger Volksstimme: „Keiner von uns wusste, was hier eigentlich passierte. Es war, als ob ein Krieg ausbrach.“ Da das Telefon nicht funktionierte, kletterte er über eine Mauer um Hilfe zu holen. In einer Nebenstraße traf er auf mehrere Streifenpolizisten. Diese verweigerten jedoch jegliche Unterstützung mit den Worten „Wir sind zu wenig Leute.“ Erst als die Angreifer bereits weg waren, traf die Verstärkung der Polizei am Ort des Geschehens ein. Dort versorgten bereits mehrere Notärzte die zum Teil schwerverletzten Partygäste. Acht von ihnen mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden – darunter Torsten Lamprecht. Er erlag am 11. Mai 1992 seiner schweren Schä-delfraktur.
Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendli-che von Rechtsextremen und Rassisten zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treff-punkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte in Stadtfeld. Der Überfall auf die „Elbterrassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser Reihe von rechts motivierten Angriffen dar. Jahre später beschrieb ein Freund des ermordeten Torsten Lamprecht den Angriff als tiefen Einschnitt: „Aber seit dem 9. Mai 1992 ging es um Leben und Tod.“

Weitere Informationen hier.

Gedenken an die deportierten und ermordeten Rom*nja und Sint*ezza am 1. März

Vor 76 Jahren, am 1. März 1943, löste die Stadt Magdeburg das sogenannte Zigeunerlager am Holzweg/Silberberg auf. Seine Bewohner*innen wurden nach Auschwitz deportiert. Dort wurden 340 Sint*ezza und Rom*nja ermordet. Ihrer gedenkt das Bündnis gegen Rechts am Freitag, den 1. März 2019, um 16 Uhr an der Namensstele im Flora-Park (Olvenstedter Graseweg, Fußgängerzugang zum Florapark).

Zum Hintergrund
Am 4. März 1935 hatte die Stadtverwaltung Magdeburg die Errichtung eines „Zigeunerlagers“ beschlossen. Ab Mai 1935 mussten hier alle Sint*ezza und Rom*nja der Stadt unter widrigen Lebensbedingungen wohnen. Am 1. März 1943 wurde das Lager in einer gemeinsamen Aktion von Gestapo und Polizei aufgelöst. Sämtliche Bewohner*innen wurden verhaftet und mit 10 bis 15 Lastwagen zum Magdeburger Polizeipräsidium gebracht. Weitere Sint*ezza und Rom*nja, die nicht im Lager gelebt hatten, wurden von der Polizei gewaltsam aus ihren Wohnungen gezerrt und ebenfalls im Polizeipräsidium inhaftiert. Tags darauf wurden die Inhaftierten zusammen mit Sint*ezza und Rom*nja aus der Region vom Güterbahnhof mit dem Zug nach Auschwitz deportiert. Von 470 Deportierten überlebten 340 die Liquidierung des dortigen „Zigeunerlagers“ nicht. Insgesamt fielen dem Porajmos – dem Völkermord an den Sint*ezza und Rom*nja im Nationalsozialismus – mindestens 200.000 Menschen zum Opfer.

„Extreme Gewaltbereitschaft und neonazistische Menschenverachtung“

Gedenkrede zum 22. Todestag von Frank Böttcher am 8. Februar 2019

„Wir gedenken mit dem Tod Frank Böttchers eines Todesfalles, der in die Kette der rechtsextremen Gewaltexzesse der Neunziger Jahre gehört. Ihre Ausmaße sind im öffentlichen Gedächtnis nicht präsent. Sie müssten es aber sein, um zu verstehen, auf welche Weise diese Gewalt bis heute nachwirkt.
Taten wie der Mord an Frank Böttcher hatte auf das Umfeld eine lang anhaltende Wirkung: Angst, Vermeidungsverhalten und nicht zuletzt der Wunsch, das Erleben von Gewalt und Angst hinter sich zu lassen. Es bedeutete wegzuziehen, wegzugehen, der rechten Dominanz aus dem Weg zu gehen.
Das Umfeld der damaligen Täter, rechte Skinheads, tauscht heute in sozialen Netzwerken alte Fotos und selige Erinnerungen an eine „geile Zeit“ aus. Ganz so als sei die allwöchentliche Jagd auf Migrant*innen und linke Jugendliche eine Art Freizeitsport.
Frank Böttcher wurde brutal getötet, mit Messerstichen und Fußtritten gegen den Kopf. Dann ließen ihn die Täter hier an der Endhaltestelle verletzt liegen und holten sich an der Tankstelle an der Birkenallee Bier.
Frank Böttcher starb auf der Intensivstation des Krankenhauses hier. Ärzte und Schwestern hatten drei Stunden um sein Leben gekämpft.
In den Medien war danach tagelang von einem „Szenekrieg“ zwischen Jugendlichen die Rede. Die Polizei ging zunächst von Streit zwischen Punks aus. Über Jahre stand die rechte Tatmotivation öffentlich in Zweifel.
Extreme Gewaltbereitschaft und neonazistische Menschenverachtung. Dies waren die Motive, die jene handeln ließen, die Frank Böttcher zu Tode prügelten.
Machen wir uns nichts vor: Mehr als zwanzig Jahre gibt es diese Motive noch immer. Und diese Motive sind tödlich. Immer noch.“