Tag der Erinnerung am 11. Juni

Tag der Erinnerung an Alberto Adriano und alle Opfer rechter Gewalt am 11. Juni 2021 – in Magdeburg um 9.00 Uhr am Torsten-Lamprecht-Weg, an der Endhaltestelle „Klinikum Olvenstedt“ und im Hektorweg

Am 11. Juni 2000 wird Alberto Adriano im Dessauer Stadtpark bei einem rassistischen Angriff von drei neonazistischen Skinheads tödlich verletzt. Er stirbt nach drei Tagen im Koma am 14. Juni an seinen schweren Kopfverletzungen.

Aus diesem Anlass beteiligen wir uns als Bündnis gegen Rechts gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V. und Miteinander e.V. an einer landesweiten Aktion und gedenken auch in Magdeburg der anderen Todesopfer rechter Gewalt an den jweiligen Tat- und Gedenkorten.

Wir werden daher an den Gedenkorten am Torsten-Lamprecht-Weg, an der Endhaltestelle „Klinikum Olvenstedt“ und im Hektorweg am Freitag, 11. Juni um 9.00 Uhr Blumen niederlegen und Torsten Lamprecht (1992), Frank Böttcher (1997) und Rick Langenstein (2008) gedenken. Wir laden ein, unter Beachtung der Hygieneregeln dazuzukommen oder zu einer individuellen Zeit zu gedenken.

Demokratie diskutiert

Die Partnerschaft für Demokratie in der Landeshauptstadt Magdeburg lädt wieder zu ihrer jährlichen Demokratiewerkstatt ein. Das Onlineformat will Ressourcen bündeln und Impulse setzen, um demokratisches Handeln in Magdeburg zu fördern.

Zu Beginn der Veranstaltung wird ein neues Vorhaben vorgestellt: Die Hochschule Magdeburg-Stendal erstellt derzeit eine wissenschaftliche Untersuchung zur Situations- und Ressourcenanalyse bezüglich Rassismus und Diskriminierung in Magdeburg und den Umgang damit.

Anschließend wird in praxisorientierten Workshops zu drei Themen gearbeitet:

  • Workshop „Gefahren für die Demokratie“

Mehrere Untersuchungen sehen weltweit eine Zunahme von autoritären Herrschaftsformen und eine Schwächung von demokratischen Prinzipien. Auch hierzulande wird über „Shrinking Spaces“, die Einschränkung von Handlungsräumen für die Zivilgesellschaft diskutiert.

Dieser Workshop schaut auf dabei v.a. auf die Erfahrungen aus anderen Ländern. Was können wir von ihnen lernen? Welche Handlungsmöglichkeiten haben Städte und Zivilgesellschaft, um autoritären Entwicklungen entgegenzuwirken und die Demokratie zu verteidigen?

  • Workshop „Digitalisierung und Demokratieförderung: Fortbildungsbedarf! Wie vernetzen wir uns digital?“

Besonders in dem vergangenen Jahr wurde die Digitalisierung für alle spürbar. Welche Möglichkeiten und Perspektiven bietet uns das Vernetzen über digitale Medien im Alltag?
In diesem Workshop werden uns von einem Experten aus dem „Medientreff Zone“ diverse Möglichkeiten für eine abwechslungsreiche, partizipative, digitale Arbeit vorgestellt und der Raum geboten, um Fragen rund um die Beteiligungsformate zu stellen.

  • Kampagnenworkshop: Für Themen und Aktionen begeistern – Erfahrungen aus der Praxis

Anhand bekannter Magdeburger Kampagnenformate wollen wir über die Herausforderungen und Gelingensfaktoren von Kampagnen in den Austausch kommen. Wie gewinnt man Mitstreiter*innen? Wie setzt und transportiert man Themen? Wie erreicht man öffentliche Wahrnehmung?

Mit Expertinnen von der Freiwilligenagentur Magdeburg und der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. führen zwei kampagnenerfahrene Frauen („Magdeburg – Eine Stadt für alle“, Antirassismuswochen Magdeburg, Interkulturelle Woche in Magdeburg) durch den Workshop. Vor dem Hintergrund eigener (Miss)Erfolge möchten sie den Teilnehmenden die Scheu vorm Mit- und Selbermachen nehmen.

Anmeldung per Mail an: netzwerkstelle-md@miteinander-ev.de

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zu der Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Die Veranstaltung und die Partnerschaft für Demokratie in der Landeshauptstadt Magdeburg werden gefördert durch die Landeshauptstadt Magdeburg und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ sowie mit Mitteln des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt im Rahmen des Landesprogramms für Demokratie, Vielfalt und Weltoffenheit.

Podcast zum Gedenken an Torsten Lamprecht

Am 9. Mai 1992 überfielen rund 60 neonazistische Skinheads eine Geburtstagsfeier von Punks in der Gaststätte „Elbterrassen“ am heutigen Torsten-Lamprecht-Weg und schlugen mit Baseballschlägern, Flaschen und Zaunlatten auf die Feiernden ein. Torsten Lamprecht wurde dabei so schwer verletzt, dass er am 11. Mai 1992 verstarb.

Wir haben gemeinsam mit Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V. und dem Netzwerk für Demokratie und Courage Sachsen-Anhalt einen Podcast erstellt, der hier zu hören ist.

Aufgrund der Infektionslage laden wir in diesem Jahr zum individuellen Gedenken am Torsten-Lamprecht-Weg an der Brücke am Wasserfall ein.

Todesmarsch und Massaker im Stadion Neue Welt im April 1945

Anfang April 1945 standen die amerikanischen und britischen und bald auch die sowjetischen Truppen im Raum Magdeburg-Anhalt. Daraufhin schickte man auch hier die Häftlinge der zahlreichen Außenkommandos, in denen sie zur Arbeit für die Rüstungsindustrie gezwungen worden waren, auf Todesmärsche, v. a. in Richtung der Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen.

Das KZ-Außenlager bei der Brabag in Magdeburg-Rothensee war bereits im Februar 1945 geräumt worden, im KZ-Außenlager Polte-Magdeburg, wo v.a. Frauen und Männer aus Ost- und Mitteleuropa inhaftiert waren, begann das Lagerregime auseinander zu brechen. Die Amerikaner hatten am 11. April die Grenze des Stadtgebiets erreicht.

Das Polte-Werk an der heutigen Liebknechtstraße stand auf einmal leer, ebenso wie die Kommandantur des Außenlagers. Die Kommandanten hatten die Flucht ergriffen. Ihnen folgten an den nächsten beiden Tagen nach und nach die SS-Wachmänner und Aufseherinnen. Zuvor hatten sie – bereits ohne funktionsfähige Kommandostruktur – versucht, die geschundenen Häftlinge zu einem Evakuierungsmarsch zusammenzutreiben. Aus Angst und vielleicht auch aus Hoffnung auf die baldige Befreiung durch die US-Armee widersetzten sich die Häftlinge den Anordnungen. Die SS schoss um sich, es gab viele Verletzte, doch musste die Lagerbewachung den Versuch zur Räumung schließlich aufgeben.

Vor diesem Hintergrund erhielt nun die Volkssturmkompanie Magdeburg-Neustadt am 11. April 1945 den Befehl, die KZ-Häftlinge zusammenzutreiben und abzutransportieren. Am Abend des 12. April erreichten zwei Volkssturmzüge das kleinformatige Konzentrationslager und bereiteten seine Evakuierung vor. In den frühen Morgenstunden des 13. April in der Zeit zwischen vier und sechs Uhr wurden die inhaftierten Männer und Frauen mit wütendem Hundegebell geweckt und gewaltsam aus den Baracken getrieben. Weit mehr als 3.000 Häftlinge – in der Mehrzahl Frauen – setzten sich in Begleitung der schwer bewaffneten Volksturmeinheiten und Angehörigen der Hitlerjugend in Marsch durch das Stadtgebiet Richtung Osten. Die völlig entkräfteten Menschen benötigten unter ständigen Misshandlungen Stunden für den Weg zur Strombrücke über die Elbe. Auf dem Gelände des Stadions „Neue Welt“ sahen sich die Bewacher zu einer Rastpause gezwungen.

Auf dem Stadiongelände gerieten die Häftlinge plötzlich unter Artilleriebeschuss amerikanischer Truppen, die im südöstlichen Stadtgebiet standen. Zeitzeugen berichten von mindestens zwei explodierenden Granaten bzw. einer ganzen Salve. Es gab mehrere Tote und Verletzte. Die Häftlinge versuchten voller Panik in den angrenzenden Sträuchern Deckung zu suchen oder zu fliehen. Daraufhin eröffneten die Volkssturmeinheiten das Feuer. Von einem Barackenlager des Volkssturms in unmittelbarer Nähe des Stadions wurde ebenfalls auf die Häftlinge geschossen. Das Feuer der Wachmannschaften hielt etwa eine halbe Stunde an.

Wie viele Häftlinge das Massaker nicht überlebten, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in den fünfziger Jahren bestätigen eine Zahl von 42 Toten, wovon etwa ein Drittel durch den Artilleriebeschuss der Amerikaner ums Leben gekommen sei. Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf die Ermordeten, deren verscharrte Leichen nach Kriegsende in unmittelbarer Nähe des Stadions gefunden wurden. Die Schilderungen ehemaliger Häftlinge enthalten zwar überwiegend keine Zahlen, lassen aber den Schluss zu, dass wahrscheinlich deutlich mehr Menschen zu Tode kamen.

Nach dem Massaker wurden die Überlebenden erneut zusammengetrieben und in Marsch Richtung Osten geschickt. Als die weiblichen Häftlinge schließlich das KZ Ravensbrück erreichten, waren von den knapp 3.000 Frauen, die aus dem Außenkommando Polte-Magdeburg auf den Todesmarsch getrieben wurden, nur noch etwa 600 am Leben. Die männlichen KZ-Häftlinge aus Magdeburg marschierten weiter Richtung Sachsenhausen. Von dort ging es in mehreren Kolonnen in Richtung Rostock.

Im Zusammenhang mit dem Massaker im Stadion „Neue Welt“ fand 1951 in Magdeburg ein Gerichtsverfahren gegen drei damalige Volkssturmangehörige statt. Sie wurden wegen der Ermordung von KZ-Häftlingen angeklagt und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Allerdings sprach das Landgericht Magdeburg im August 1952 die Angeklagten im Revisionsverfahren aus Mangel an eindeutigen Beweisen für ihre Tatbeteiligung frei.

(Dieser Text beruht auf Arbeiten der AG Gedenkjahr Magdeburg.)