„Es ist eine Frage der Sichtbarkeit“

Ansprache zum Gedenken 27 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“ und an den dabei ermordeten Torsten Lamprecht

 

„Es ist eine Frage der Sichtbarkeit. Todesopfer rechter Gewalt in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, bedarf der Sichtbarkeit ihrer Personen und der Orte, an denen sie zu Tode kamen. Hier am Wasserfall ist ein solcher Ort. Hier am Torsten-Lamprecht-Weg. Es ist nur ein kleines Schild, aber ein wichtiges Zeichen, welches auf die damaligen Geschehnisse im Mai 1992 verweist.
Es ist eine Frage der Sichtbarkeit.
Als einer der Gründe für das Nicht-Eingreifen der Behörden wurde damals angeführt, der Ort des Überfalls sei unübersichtlich und schwer einsehbar. Dies mag so gewesen sein.
Was am Ende des vielleicht 15 Minuten währenden Angriffs auf eine Geburtstagsfeier an den „Elbterrassen“ stand, war in den Tagen danach in der Zeitung zu sehen: schwerverletzte, blutüberströmte Partygäste, zerschlagenes Mobiliar und wenige Tage später: ein Toter. Torsten Lamprecht.
In den Wochen danach rangen die Betroffenen des Überfalls neonazistischer Skinheads um Gehör und Sichtbarkeit dessen, was ihnen widerfahren war. Es gab eine Gedenkdemonstration, die hier um die Ecke ihren Ausgangspunkt nahm.
Der Tod Torsten Lamprechts ist Teil der dunklen Seite der Geschichte der Wiedervereinigung und der Jahre unmittelbar danach. Es ist an der Zeit, im Zyklus der kommenden Gedenkfeiern auch daran zu erinnern, dass die nationalistische Mobilisierung im Zuge der deutschen Einheit Gewalttaten mit sich brachte, deren bis heute anhaltenden Folgen im öffentlichen Bewusstsein nicht verankert sind.
Es ist eine Frage der Sichtbarkeit. Wo haben die Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt der zurückliegenden Jahrzehnte einen bleibenden Platz in der Erinnerung? Einer dieser Plätze ist hier am Wasserfall.“

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9. Mai: Gedenken 27 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“

Das Bündnis gegen Rechts Magdeburg erinnert am Donnerstag, 9. Mai 2019 um 16.00 Uhr mit einer Mahnwache an den Angriff auf die „Elbterrassen“ und den dabei von neonazistischen Skinheads ermordeten Torsten Lamprecht.
Wir laden Sie herzlich zur Gedenkveranstaltung am Torsten-Lamprecht Weg / Ecke Brücke am Wasserfall ein. Der Veranstaltungsort befindet sich in unmittelbarer Nähe der ehemaligen „Elbterrassen“.

Zum Hintergrund
Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche der Magdeburger Punk-Szene den Geburtstag eines Freundes in der Gaststätte „Elbterrassen“ im Stadtteil Cracau.
Kurz vor Mitternacht rissen etwa 60 neonazistische Skinheads das Tor zum Gelände auf und begannen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden einzuschlagen. Einer der Angreifer schoss mit Leuchtkugeln auf die panisch fliehenden Gäste. Während des 30-minütigen Angriffs riefen die Neonazis immer wieder Parolen wie „Heil Hitler!“ und „Sieg Heil!“. Der Betreiber der „Elbterrassen“ schilderte später seine Eindrücke des Überfalls gegenüber der Magdeburger Volksstimme: „Keiner von uns wusste, was hier eigentlich passierte. Es war, als ob ein Krieg ausbrach.“ Da das Telefon nicht funktionierte, kletterte er über eine Mauer um Hilfe zu holen. In einer Nebenstraße traf er auf mehrere Streifenpolizisten. Diese verweigerten jedoch jegliche Unterstützung mit den Worten „Wir sind zu wenig Leute.“ Erst als die Angreifer bereits weg waren, traf die Verstärkung der Polizei am Ort des Geschehens ein. Dort versorgten bereits mehrere Notärzte die zum Teil schwerverletzten Partygäste. Acht von ihnen mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden – darunter Torsten Lamprecht. Er erlag am 11. Mai 1992 seiner schweren Schä-delfraktur.
Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendli-che von Rechtsextremen und Rassisten zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treff-punkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte in Stadtfeld. Der Überfall auf die „Elbterrassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser Reihe von rechts motivierten Angriffen dar. Jahre später beschrieb ein Freund des ermordeten Torsten Lamprecht den Angriff als tiefen Einschnitt: „Aber seit dem 9. Mai 1992 ging es um Leben und Tod.“

Weitere Informationen hier.

Rechter Fackelzug gefährdet das Nachtleben

Für kommenden Samstagabend, 6. April 2019, ruft die sog. Bürgerinitiative Magdeburg zu einem zweiten Fackelmarsch in Magdeburg auf.
Zu erwarten sind mehrere Hundert Teilnehmende aus dem gesamten extrem rechten Spektrum – Neonazis und rechtsextreme Hooligans aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg. Bereits zum 10. November 2018 hatte die „Bürgerinitiative“ zu einem Fackelmarsch aufgerufen, an dem 800-1.000 Menschen teilnahmen. Organisiert werden die Fackelmärsche von Personen aus dem Umfeld der ehemaligen MAGIDA-Proteste und dem der neonazistischen „Bürgerbewegung Altmark“.
Bei der Demonstration im November kam es im Umfeld des Hasselbachplatzes zu Übergriffen. Nicht zuletzt die sanktionslos bleibende Missachtung des Alkoholverbots führte zu einem erhöhten Aggressionspotential der Teilnehmenden des rechten Aufmarsches gegenüber Gegendemonstrant*innen und Passant*innen. Insbesondere Migrant*innen wurden Ziel von Flaschenwürfen und körperlichen Attacken. Der Fackelmarsch solidarisierte sich zudem offensiv mit der verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck, die wegen ihrer Propaganda derzeit eine Haftstrafe verbüßt.
Dieser Fackelzug stellt eine Provokation der demokratischen Kultur der Stadt Magdeburg und eine reale Gefahr für alle dar, die nicht in das Weltbild der rechtsextremen Teilnehmenden des Aufmarsches passen. Wir fordern die zuständigen Behörden auf, alles zu tun, um die Menschen am Rande der Strecke nicht zu gefährden. Insbesondere am Hasselbachplatz gilt es, aufmerksam zu sein, um das Nachtleben und die lebendige Stadtkultur zu schützen.

Internationale Wochen gegen Rassismus 2019

Bereits zum vierten Mal beteiligt sich Magdeburg vom 11. bis 24. März an den Internationalen Wochen gegen Rassismus mit einem breiten Programm aus Workshops, Vorträgen und Kulturveranstaltungen.

In diesem Jahr, in dem das Grundgesetz 70 Jahre alt wird, das Europäische Parlament und der Stadtrat neu gewählt werden, braucht es Achtsamkeit für den Respekt und die Menschenwürde aller unabhängig von Staatsbürgerschaft, Herkunft oder äußeren Merkmalen.
Beteiligen Sie sich an den Internationalen Wochen gegen Rassismus und beziehen Sie Position für eine demokratische, weltoffene und menschenfreundliche Stadtgesellschaft!
Das Programm zum Download gibt es hier.

Gedenken an die deportierten und ermordeten Rom*nja und Sint*ezza am 1. März

Vor 76 Jahren, am 1. März 1943, löste die Stadt Magdeburg das sogenannte Zigeunerlager am Holzweg/Silberberg auf. Seine Bewohner*innen wurden nach Auschwitz deportiert. Dort wurden 340 Sint*ezza und Rom*nja ermordet. Ihrer gedenkt das Bündnis gegen Rechts am Freitag, den 1. März 2019, um 16 Uhr an der Namensstele im Flora-Park (Olvenstedter Graseweg, Fußgängerzugang zum Florapark).

Zum Hintergrund
Am 4. März 1935 hatte die Stadtverwaltung Magdeburg die Errichtung eines „Zigeunerlagers“ beschlossen. Ab Mai 1935 mussten hier alle Sint*ezza und Rom*nja der Stadt unter widrigen Lebensbedingungen wohnen. Am 1. März 1943 wurde das Lager in einer gemeinsamen Aktion von Gestapo und Polizei aufgelöst. Sämtliche Bewohner*innen wurden verhaftet und mit 10 bis 15 Lastwagen zum Magdeburger Polizeipräsidium gebracht. Weitere Sint*ezza und Rom*nja, die nicht im Lager gelebt hatten, wurden von der Polizei gewaltsam aus ihren Wohnungen gezerrt und ebenfalls im Polizeipräsidium inhaftiert. Tags darauf wurden die Inhaftierten zusammen mit Sint*ezza und Rom*nja aus der Region vom Güterbahnhof mit dem Zug nach Auschwitz deportiert. Von 470 Deportierten überlebten 340 die Liquidierung des dortigen „Zigeunerlagers“ nicht. Insgesamt fielen dem Porajmos – dem Völkermord an den Sint*ezza und Rom*nja im Nationalsozialismus – mindestens 200.000 Menschen zum Opfer.