29 Jahre nach dem Angriff auf die „Elbterrassen“

Am Sonntag, 9. Mai 2021 jährt sich der Angriff auf die Geburtstagsfeier in der Gaststätte „Elbterrassen“ zum 29. Mal. Bei diesem Angriff wurde Torsten Lamprecht so schwer verletzt, dass er zwei Tage später, am 11. Mai 1992 verstarb.

Aufgrund der Infektionslage lädt das Bündnis gegen Rechts zum individuellen Gedenken am Torsten-Lamprecht-Weg bei der Brücke am Wasserfall ein.

Zum Gedenken wird derzeit ein Podcast erstellt, den wir zum Wochenende online stellen werden.

Zum Hintergrund

Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche der Magdeburger Punk-Szene einen Geburtstag in der Gaststätte „Elbterrassen“ im Stadtteil Cracau.

Kurz vor Mitternacht rissen etwa 60 neonazistische Skinheads das Tor zum Gelände auf und begannen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden einzuschlagen. Die Polizei war vorgewarnt. Die Beamt*innen griffen jedoch erst ein, als Verstärkung vor Ort war.

Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von Rechtsextremen und Rassisten zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte in Stadtfeld. Der Überfall auf die „Elbterrassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser Reihe von rechts motivierten Angriffen dar. Jahre später beschrieb ein Freund des ermordeten Torsten Lamprecht den Angriff als tiefen Einschnitt: „Aber seit dem 9. Mai 1992 ging es um Leben und Tod.“

Nähere Hintergründe hier.

Todesmarsch und Massaker im Stadion Neue Welt im April 1945

Anfang April 1945 standen die amerikanischen und britischen und bald auch die sowjetischen Truppen im Raum Magdeburg-Anhalt. Daraufhin schickte man auch hier die Häftlinge der zahlreichen Außenkommandos, in denen sie zur Arbeit für die Rüstungsindustrie gezwungen worden waren, auf Todesmärsche, v. a. in Richtung der Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen.

Das KZ-Außenlager bei der Brabag in Magdeburg-Rothensee war bereits im Februar 1945 geräumt worden, im KZ-Außenlager Polte-Magdeburg, wo v.a. Frauen und Männer aus Ost- und Mitteleuropa inhaftiert waren, begann das Lagerregime auseinander zu brechen. Die Amerikaner hatten am 11. April die Grenze des Stadtgebiets erreicht.

Das Polte-Werk an der heutigen Liebknechtstraße stand auf einmal leer, ebenso wie die Kommandantur des Außenlagers. Die Kommandanten hatten die Flucht ergriffen. Ihnen folgten an den nächsten beiden Tagen nach und nach die SS-Wachmänner und Aufseherinnen. Zuvor hatten sie – bereits ohne funktionsfähige Kommandostruktur – versucht, die geschundenen Häftlinge zu einem Evakuierungsmarsch zusammenzutreiben. Aus Angst und vielleicht auch aus Hoffnung auf die baldige Befreiung durch die US-Armee widersetzten sich die Häftlinge den Anordnungen. Die SS schoss um sich, es gab viele Verletzte, doch musste die Lagerbewachung den Versuch zur Räumung schließlich aufgeben.

Vor diesem Hintergrund erhielt nun die Volkssturmkompanie Magdeburg-Neustadt am 11. April 1945 den Befehl, die KZ-Häftlinge zusammenzutreiben und abzutransportieren. Am Abend des 12. April erreichten zwei Volkssturmzüge das kleinformatige Konzentrationslager und bereiteten seine Evakuierung vor. In den frühen Morgenstunden des 13. April in der Zeit zwischen vier und sechs Uhr wurden die inhaftierten Männer und Frauen mit wütendem Hundegebell geweckt und gewaltsam aus den Baracken getrieben. Weit mehr als 3.000 Häftlinge – in der Mehrzahl Frauen – setzten sich in Begleitung der schwer bewaffneten Volksturmeinheiten und Angehörigen der Hitlerjugend in Marsch durch das Stadtgebiet Richtung Osten. Die völlig entkräfteten Menschen benötigten unter ständigen Misshandlungen Stunden für den Weg zur Strombrücke über die Elbe. Auf dem Gelände des Stadions „Neue Welt“ sahen sich die Bewacher zu einer Rastpause gezwungen.

Auf dem Stadiongelände gerieten die Häftlinge plötzlich unter Artilleriebeschuss amerikanischer Truppen, die im südöstlichen Stadtgebiet standen. Zeitzeugen berichten von mindestens zwei explodierenden Granaten bzw. einer ganzen Salve. Es gab mehrere Tote und Verletzte. Die Häftlinge versuchten voller Panik in den angrenzenden Sträuchern Deckung zu suchen oder zu fliehen. Daraufhin eröffneten die Volkssturmeinheiten das Feuer. Von einem Barackenlager des Volkssturms in unmittelbarer Nähe des Stadions wurde ebenfalls auf die Häftlinge geschossen. Das Feuer der Wachmannschaften hielt etwa eine halbe Stunde an.

Wie viele Häftlinge das Massaker nicht überlebten, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in den fünfziger Jahren bestätigen eine Zahl von 42 Toten, wovon etwa ein Drittel durch den Artilleriebeschuss der Amerikaner ums Leben gekommen sei. Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf die Ermordeten, deren verscharrte Leichen nach Kriegsende in unmittelbarer Nähe des Stadions gefunden wurden. Die Schilderungen ehemaliger Häftlinge enthalten zwar überwiegend keine Zahlen, lassen aber den Schluss zu, dass wahrscheinlich deutlich mehr Menschen zu Tode kamen.

Nach dem Massaker wurden die Überlebenden erneut zusammengetrieben und in Marsch Richtung Osten geschickt. Als die weiblichen Häftlinge schließlich das KZ Ravensbrück erreichten, waren von den knapp 3.000 Frauen, die aus dem Außenkommando Polte-Magdeburg auf den Todesmarsch getrieben wurden, nur noch etwa 600 am Leben. Die männlichen KZ-Häftlinge aus Magdeburg marschierten weiter Richtung Sachsenhausen. Von dort ging es in mehreren Kolonnen in Richtung Rostock.

Im Zusammenhang mit dem Massaker im Stadion „Neue Welt“ fand 1951 in Magdeburg ein Gerichtsverfahren gegen drei damalige Volkssturmangehörige statt. Sie wurden wegen der Ermordung von KZ-Häftlingen angeklagt und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Allerdings sprach das Landgericht Magdeburg im August 1952 die Angeklagten im Revisionsverfahren aus Mangel an eindeutigen Beweisen für ihre Tatbeteiligung frei.

(Dieser Text beruht auf Arbeiten der AG Gedenkjahr Magdeburg.)

Für eine demokratische und offene Gesellschaft – Solidarität statt Ausgrenzung!

Aktions- und Demoaufruf #unteilbar Sachsen-Anhalt

Lasst uns zusammenkommen, für eine demokratische und offene Gesellschaft der Vielen und der Vielfalt!

Angesichts der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sind wir alle gefragt, uns Rassismus und Menschenverachtung und der drohenden Regierungsbeeinflussung durch die extreme Rechte entgegenzustellen. Wir lassen nicht zu, dass Sozialstaat, Flucht und Migration gegeneinander ausgespielt werden! Das Erstarken extrem rechter Gruppierungen, der Einzug der AfD in den Landtag und die Zunahme rechter Mobilisierungen haben rechte, rassistische und antisemitische, antimuslimische und antiromaistische Gewalt befeuert, den Antifeminismus verstärkt und den Boden für den rechten Terroranschlag in Halle bereitet. Wir lassen nicht zu, dass diese Entwicklung weiter voranschreitet!

Nicht mit uns – wir halten dagegen!

Eine Pandemie prägt seit einem Jahr unseren Alltag. Zehntausende Menschen sind allein in Deutschland am Corona-Virus gestorben. Die Pandemie trifft uns alle, aber bei Weitem nicht alle gleich: Während sich einige bereichern, fürchten Unzählige um ihre Existenz. In bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit, in systemrelevanten Berufen und oft in prekärer Beschäftigung tragen vor allem Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte die Hauptlast der Krise. Gleichzeitig hält die menschenunwürdige Situation von Geflüchteten an den EU-Außengrenzen an. Wie ein Brennglas verschärft die Krise Probleme, die schon vorher bestanden.

Gemeinsam für eine demokratische Gesellschaft der Vielen!

Als Bündnis #unteilbar Sachsen-Anhalt schließen wir uns zusammen und fordern solidarische Antworten auf die Corona-Krise und deren Folgen, auf die wachsende Ungleichheit, Klimakrise und Menschenverachtung! Nur gemeinsam können wir die politischen Kräfteverhältnisse verändern. Wir stehen ein für eine Gesellschaft, in der Menschenrechte unteilbar und vielfältige und selbstbestimmte Lebensentwürfe selbstverständlich sind – in Sachsen-Anhalt und überall.

Für ein gutes Leben für alle Menschen, ausnahmslos!

Für eine Welt der Menschenrechte, des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit!

Für eine gerechte Daseinsvorsorge für Alle!

Für einen gesellschaftlichen Schulterschluss gegen Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Antiromaismus, Sexismus und Rechtsterrorismus!

Für einen gesellschaftlichen Antifaschismus – keine Zusammenarbeit mit der extremen Rechten!

Für eine geschlechtergerechte Gesellschaft!

Für das Recht auf Schutz und Asyl – gegen die Abschottung Europas!

Für Klimagerechtigkeit und eine lebenswerte Zukunft für Alle!

Wir sind ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis – wir vereinen unterschiedliche politische Ansichten. Diese Vielfalt ist unsere Stärke, Solidarität ist unsere Kraft! Wir sind der Solidarische Osten: Gemeinsam mit #unteilbar Mecklenburg-Vorpommern, dem Bündnis Solidarisches Thüringen und unseren Freund:innen aus Sachsen, Brandenburg und Berlin schließen wir uns zusammen und bringen die solidarische Gesellschaft in die Offensive.

Schließt euch uns an: Für eine demokratische und offene Gesellschaft – Solidarität statt Ausgrenzung!

Am 10. April 2021 wollen wir in Magdeburg zusammenkommen und gemeinsam für Vielfalt, Solidarität und Demokratie unsere Stimme erheben! Für uns ist klar: Die extreme Rechte darf in keiner Form auf die Regierungsbildung Einfluss nehmen, sie muss zurückgedrängt werden. Deswegen ziehen wir gemeinsam mit allen Demokratinnen am 22. April in Magdeburg die rote Linie! Gemeinsam werden wir am 29. Mai in Halle (Saale) für eine demokratische und offene Gesellschaft auf die Straße gehen. Schließt euch uns an: Für Solidarität statt Ausgrenzung – gemeinsam sind wir #unteilbar!

Alle geplanten Veranstaltungen werden rücksichtsvoll und unter Beachtung der aktuell gültigen Corona-Bestimmungen stattfinden. Achtet auf aktuelle Ankündigungen.

Internationale Wochen gegen Rassismus 2021

Unter dem Motto „Solidarität. Grenzenlos“ werden heute die Internationalen Wochen gegen Rassismus eröffnet. Und auch Magdeburg ist wieder aktiv dabei. Nachdem vor einem Jahr vieles kurzfristig abgesagt werden musste und wir spontan die Wochen gegen Rassismus vom Sofa aus ausgerufen hatten, findet in diesem Jahr vieles online oder individuell statt. Neu ist: Es gibt eine Kampagnenseite, die alle Veranstaltungen aufführt. (Danke an die Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. für die Organisation!) Und weiterhin gilt: Beteiligung ist erwünscht – als Teilnehmende und gerne auch mit neuen Aktivitäten.

„Der Porajmos war der mörderische Höhepunkt…“

Aus den Gedenkreden am 1. März 2021

„Zu den Insassen des Lagers und den Verschleppten zählten … Erna Lauenburger, genannt Unku, ihre beiden Töchter, ihre Mutter und ihre Großmutter. Der Vater der Mädchen, Otto Schmidt, war bereits im Zuge der reichsweiten sogenannten „Aktion Arbeitsscheu“ verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen worden. Am 20. November 1942 starb er nach Fleckfieberversuchen des Robert Koch-Instituts durch eine Injektion.“

„Der Porajmos war der mörderische Höhepunkt einer Jahrhunderte langen Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma in Deutschland und Europa. … Im aufgeklärten 19. Jahrhundert ließen Behörden und Wissenschaft nichts unversucht, um Sinti und Roma zu einem parasitären und zivilisationsresistenten Pariavolk zu degradieren. … Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wuchs der Verfolgungsdruck auf Sinti und Roma. Es begann eine Politik der Exklusion und Internierung.  Magdeburg gehörte zu den ersten Städten im Deutschen Reich, die im März 1935 ein umzäuntes und bewachtes Lager für Sinti und Roma – hier an dieser Stelle – einrichteten.

Die historisch verfestigten Stereotype prägen auch heute noch europaweit die Einstellungen gegenüber den Sinti und Roma. Diskriminierungen und extreme soziale Benachteiligungen sind für viele von ihnen weiterhin Realität. So stellt die 10. Leipziger Autoritarismustudie aus dem letzten Jahr fest: … im Jahr 2020 [geben] 41,9% der Befragten an, dass sie Probleme damit hätten, »wenn sich Sinti und Roma in [ihrer] Gegend aufhalten«. Mehr als ein Drittel der Befragten ist der Ansicht, dass Sinti und Roma »aus den Innenstädten verbannt« werden sollten, und hier ist die Zustimmung unter den ostdeutschen Befragten mit 41,3% besonders hoch. Über die Hälfte der Befragten waren der Überzeugung, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen würden.

Immer wieder kommt es auch zu Bedrohungen von Sinti und Roma bis hin zu tödlicher Gewalt. Unter den Opfern des rassistischen Terroranschlags am 19. Februar 2020 in Hanau waren auch drei Rom*nja, untter ihnen die 35jährige Mercedes Kierpacz, deren Großvater im Porajmos ermordet wurde.

Trotz dieser Befunde aus Geschichte und Gegenwart werden die Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen von Sinti und Roma noch immer kaum wahrgenommen oder nicht ernstgenommen… Dem heißt es, sich entgegenzustellen und Solidarität mit den Diskriminierten zu üben.“