„Der Porajmos war der mörderische Höhepunkt…“

Aus den Gedenkreden am 1. März 2021

„Zu den Insassen des Lagers und den Verschleppten zählten … Erna Lauenburger, genannt Unku, ihre beiden Töchter, ihre Mutter und ihre Großmutter. Der Vater der Mädchen, Otto Schmidt, war bereits im Zuge der reichsweiten sogenannten „Aktion Arbeitsscheu“ verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen worden. Am 20. November 1942 starb er nach Fleckfieberversuchen des Robert Koch-Instituts durch eine Injektion.“

„Der Porajmos war der mörderische Höhepunkt einer Jahrhunderte langen Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma in Deutschland und Europa. … Im aufgeklärten 19. Jahrhundert ließen Behörden und Wissenschaft nichts unversucht, um Sinti und Roma zu einem parasitären und zivilisationsresistenten Pariavolk zu degradieren. … Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wuchs der Verfolgungsdruck auf Sinti und Roma. Es begann eine Politik der Exklusion und Internierung.  Magdeburg gehörte zu den ersten Städten im Deutschen Reich, die im März 1935 ein umzäuntes und bewachtes Lager für Sinti und Roma – hier an dieser Stelle – einrichteten.

Die historisch verfestigten Stereotype prägen auch heute noch europaweit die Einstellungen gegenüber den Sinti und Roma. Diskriminierungen und extreme soziale Benachteiligungen sind für viele von ihnen weiterhin Realität. So stellt die 10. Leipziger Autoritarismustudie aus dem letzten Jahr fest: … im Jahr 2020 [geben] 41,9% der Befragten an, dass sie Probleme damit hätten, »wenn sich Sinti und Roma in [ihrer] Gegend aufhalten«. Mehr als ein Drittel der Befragten ist der Ansicht, dass Sinti und Roma »aus den Innenstädten verbannt« werden sollten, und hier ist die Zustimmung unter den ostdeutschen Befragten mit 41,3% besonders hoch. Über die Hälfte der Befragten waren der Überzeugung, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen würden.

Immer wieder kommt es auch zu Bedrohungen von Sinti und Roma bis hin zu tödlicher Gewalt. Unter den Opfern des rassistischen Terroranschlags am 19. Februar 2020 in Hanau waren auch drei Rom*nja, untter ihnen die 35jährige Mercedes Kierpacz, deren Großvater im Porajmos ermordet wurde.

Trotz dieser Befunde aus Geschichte und Gegenwart werden die Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen von Sinti und Roma noch immer kaum wahrgenommen oder nicht ernstgenommen… Dem heißt es, sich entgegenzustellen und Solidarität mit den Diskriminierten zu üben.“

1. März: Gedenken an die verfolgten und ermordeten Rom*nja und Sint*izze

Vor 78 Jahren, am 1. März 1943, löste die Stadt Magdeburg das sogenannte Zigeunerlager am Holzweg/Silberberg auf. Die Bewohner*innen wurden nach Auschwitz deportiert, wo 340 Sint*izze und Rom*nja ermordet wurden. Das Bündnis gegen Rechts lädt daher ein zum Gedenken am Montag, 1. März 2021, um 16 Uhr an der Namensstele im Florapark (Olvenstedter Graseweg, Fußgängerzugang zum Florapark). Zum Infektionsschutz bitten wir Teilnehmende um die Nutzung einer geeigneten Mund-Nasen-Bedeckung und die Wahrung des Mindestabstandes.

Um 18.30 Uhr zeigt der Offene Kanal ein Literaturgespräch zum Thema „Sinti in der DDR“. Im Anschluss folgen weitere Sendungen zum Gedenktag.

Zum Hintergrund

Am 4. März 1935 hatte die Stadtverwaltung Magdeburg die Errichtung eines „Zigeunerlagers“ beschlossen. Ab Mai 1935 mussten hier alle Sint*izze und Rom*nja der Stadt unter widrigen Lebensbedingungen wohnen. Am 1. März 1943 wurde das Lager in einer gemeinsamen Aktion von Gestapo und Polizei aufgelöst. Sämtliche Bewohner*innen wurden verhaftet und mit 10 bis 15 Lastwagen zum Magdeburger Polizeipräsidium gebracht. Weitere Sint*izze und Rom*nja, die nicht im Lager gelebt hatten, wurden von der Polizei gewaltsam aus ihren Wohnungen gezerrt und ebenfalls im Polizeipräsidium inhaftiert. Tags darauf wurden die Inhaftierten zusammen mit Sint*izze und Rom*nja aus der Region vom Güterbahnhof mit dem Zug nach Auschwitz deportiert. Von 470 Deportierten überlebten 340 die Liquidierung des dortigen „Zigeunerlagers“ nicht. Insgesamt fielen dem Porajmos – dem Völkermord an den Sint*izze und Rom*nja im Nationalsozialismus – mindestens 200.000 Menschen zum Opfer.

8. Februar: 24. Todestag von Frank Böttcher

Einladung zum Individuellen Gedenken

 

Am 8. Februar jährt sich der Angriff auf Frank Böttcher zum 24. Mal.

Aufgrund der Infektionslage laden wir in diesem Jahr zum individuellen Gedenken am Gedenkstein an der Haltestelle „Klinikum Olvenstedt“ ein. Die Gedenkrede werden wir am 8. Februar hier auf unserer Internetseite veröffentlichen.

Frank Böttcher wurde von einem neonazistischen Skinhead aus Hass auf Punks getötet. Nähere Informationen zu den Hintergründen der Tat gibt es hier.

16. Januar: Gedenken, Mahnung, Solidarität

Auch in diesem Jahr will die extreme Rechte an dem Gedenktag an die Bombardierung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg am 16. Januar für eine Rehabilitierung des Nationalsozialismus auf die Straße gehen.

Wir vom Bündnis gegen Rechts Magdeburg setzen dagegen gemeinsam mit „Oldies for Future“ das Gedenken, die Mahnung und die Solidarität.

Wir setzen dagegen das Gedenken. Wir gedenken der Opfer von Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus in der NS-Zeit. Wir gedenken der Opfer des Holocaust und des deutschen Vernichtungskriegs.

Wir setzen dagegen die Mahnung. Auch in unserer Zeit werden Menschen auf Grundlage von menschenverachtenden Ideologien angegriffen und getötet. Wir erinnern an das tagtägliche Leid und die Verunsicherung von Menschen durch Rechtsextremismus, Ausgrenzung und Diskriminierung. Gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen rechter und rassistischer Gewalt erwarten wir konsequente Aufklärung und entschiedenes politisches Handeln.

Wir setzen dagegen die Solidarität. Besonders in Zeiten der Pandemie handeln wir mit Achtsamkeit und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen. Wir halten Mahnwache und sind dabei aufmerksam füreinander, um andere nicht zu gefährden.

Wir laden ein zu einer Gedenkzeit am 16. Januar um 15.00 Uhr am Mahnmal für die zerstörte Synagoge mit anschließender Mahnwache. Zum Infektionsschutz bitten wir Teilnehmende um die Nutzung einer geeigneten Mund-Nasen-Bedeckung und die Wahrung des Mindestabstandes.

Weitere Veranstaltungen am 16. Januar sowie im Rahmen der Aktionswoche „Eine Stadt für alle“ finden Sie hier.

Zum Hintergrund des 16. Januar empfehlen wir das miteinanderaktuell vom 16. Januar 2020, zur Geschichte des Naziaufmarsches und der Proteste unsere Broschüre „Magdeburg im Januar“ gemeinsam mit Miteinander e.V. von 2016.