Todesmarsch und Massaker im Stadion Neue Welt im April 1945

Anfang April 1945 standen die amerikanischen und britischen und bald auch die sowjetischen Truppen im Raum Magdeburg-Anhalt. Daraufhin schickte man auch hier die Häftlinge der zahlreichen Außenkommandos, in denen sie zur Arbeit für die Rüstungsindustrie gezwungen worden waren, auf Todesmärsche, v. a. in Richtung der Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen.

Das KZ-Außenlager bei der Brabag in Magdeburg-Rothensee war bereits im Februar 1945 geräumt worden, im KZ-Außenlager Polte-Magdeburg, wo v.a. Frauen und Männer aus Ost- und Mitteleuropa inhaftiert waren, begann das Lagerregime auseinander zu brechen. Die Amerikaner hatten am 11. April die Grenze des Stadtgebiets erreicht.

Das Polte-Werk an der heutigen Liebknechtstraße stand auf einmal leer, ebenso wie die Kommandantur des Außenlagers. Die Kommandanten hatten die Flucht ergriffen. Ihnen folgten an den nächsten beiden Tagen nach und nach die SS-Wachmänner und Aufseherinnen. Zuvor hatten sie – bereits ohne funktionsfähige Kommandostruktur – versucht, die geschundenen Häftlinge zu einem Evakuierungsmarsch zusammenzutreiben. Aus Angst und vielleicht auch aus Hoffnung auf die baldige Befreiung durch die US-Armee widersetzten sich die Häftlinge den Anordnungen. Die SS schoss um sich, es gab viele Verletzte, doch musste die Lagerbewachung den Versuch zur Räumung schließlich aufgeben.

Vor diesem Hintergrund erhielt nun die Volkssturmkompanie Magdeburg-Neustadt am 11. April 1945 den Befehl, die KZ-Häftlinge zusammenzutreiben und abzutransportieren. Am Abend des 12. April erreichten zwei Volkssturmzüge das kleinformatige Konzentrationslager und bereiteten seine Evakuierung vor. In den frühen Morgenstunden des 13. April in der Zeit zwischen vier und sechs Uhr wurden die inhaftierten Männer und Frauen mit wütendem Hundegebell geweckt und gewaltsam aus den Baracken getrieben. Weit mehr als 3.000 Häftlinge – in der Mehrzahl Frauen – setzten sich in Begleitung der schwer bewaffneten Volksturmeinheiten und Angehörigen der Hitlerjugend in Marsch durch das Stadtgebiet Richtung Osten. Die völlig entkräfteten Menschen benötigten unter ständigen Misshandlungen Stunden für den Weg zur Strombrücke über die Elbe. Auf dem Gelände des Stadions „Neue Welt“ sahen sich die Bewacher zu einer Rastpause gezwungen.

Auf dem Stadiongelände gerieten die Häftlinge plötzlich unter Artilleriebeschuss amerikanischer Truppen, die im südöstlichen Stadtgebiet standen. Zeitzeugen berichten von mindestens zwei explodierenden Granaten bzw. einer ganzen Salve. Es gab mehrere Tote und Verletzte. Die Häftlinge versuchten voller Panik in den angrenzenden Sträuchern Deckung zu suchen oder zu fliehen. Daraufhin eröffneten die Volkssturmeinheiten das Feuer. Von einem Barackenlager des Volkssturms in unmittelbarer Nähe des Stadions wurde ebenfalls auf die Häftlinge geschossen. Das Feuer der Wachmannschaften hielt etwa eine halbe Stunde an.

Wie viele Häftlinge das Massaker nicht überlebten, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in den fünfziger Jahren bestätigen eine Zahl von 42 Toten, wovon etwa ein Drittel durch den Artilleriebeschuss der Amerikaner ums Leben gekommen sei. Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf die Ermordeten, deren verscharrte Leichen nach Kriegsende in unmittelbarer Nähe des Stadions gefunden wurden. Die Schilderungen ehemaliger Häftlinge enthalten zwar überwiegend keine Zahlen, lassen aber den Schluss zu, dass wahrscheinlich deutlich mehr Menschen zu Tode kamen.

Nach dem Massaker wurden die Überlebenden erneut zusammengetrieben und in Marsch Richtung Osten geschickt. Als die weiblichen Häftlinge schließlich das KZ Ravensbrück erreichten, waren von den knapp 3.000 Frauen, die aus dem Außenkommando Polte-Magdeburg auf den Todesmarsch getrieben wurden, nur noch etwa 600 am Leben. Die männlichen KZ-Häftlinge aus Magdeburg marschierten weiter Richtung Sachsenhausen. Von dort ging es in mehreren Kolonnen in Richtung Rostock.

Im Zusammenhang mit dem Massaker im Stadion „Neue Welt“ fand 1951 in Magdeburg ein Gerichtsverfahren gegen drei damalige Volkssturmangehörige statt. Sie wurden wegen der Ermordung von KZ-Häftlingen angeklagt und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Allerdings sprach das Landgericht Magdeburg im August 1952 die Angeklagten im Revisionsverfahren aus Mangel an eindeutigen Beweisen für ihre Tatbeteiligung frei.

(Dieser Text beruht auf Arbeiten der AG Gedenkjahr Magdeburg.)