„Torsten Lamprechts Tod war ein bestürzender Einschnitt in der Entwicklung rechter Gewalttaten“

Gedenkansprache zum 9. Mai 2018

Vor 26 Jahren starb der 23jährige Torsten Lamprecht an seinen tödlichen Verletzungen nach einem Skinhead-Überfall auf die Elbterassen – hier, an diesem Ort.

Damals war schnell die Rede von Auseinandersetzungen unter Jugendlichen, von „sinnloser Gewalt“ und den Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs in der Wendezeit. Symptomatisch für die damalige Debatte über rechte Gewalt war eine weit verbreitete Entpolitisierung. In der allgemeinen Rede einer angeblich sprunghaft zugenommenen Jugendgewalt trat der Kontext der Tat in den Hintergrund. Kaum zur Sprachen kamen systematische Versuche von Neonazis, Migrant*innen und alternative Jugendliche einzuschüchtern und zu vertreiben. Kaum zur Sprache kamen die Umstände, die Torsten Lamprechts Tod ermöglichten und begleiteten – der organisierten Vorbereitung des Überfalls, das Versagen der Polizei oder Politiker*innen, die die Schuld am Überfall den Punks zuweisen wollten.

Torsten Lamprechts Tod war ein bestürzender Einschnitt in der Entwicklung rechter Gewalttaten. Und doch spiegelte er ihre Kontinuität. Bereits in der Endphase der DDR war Magdeburg für seine rechte Szene bekannt. Fußballspiele waren die Bühne für neonazistische Inszenierungen – für Hitlergrüße und Beschimpfungen als „Juden“. Nach dem Spiel gegen den BFC Dynamo Berlin am 5. April 1988 kam es zu einer Hetzjagd auf Punks in der Magdeburger Innenstadt. Ein Jahr später feierten 30 alkoholisierte Skins den sogenannten Führergeburtstag. In den Abendstunden des 20. Aprils 1989 zogen sie durch die Innenstadt und grölten rechte Parolen.

Ein Bericht des LKA aus dem Jahr 1991 führt Magdeburg als Hochburg der rechten Szene in Ostdeutschland seit 1987 auf. Nach der Wende erhielt sie immensen Zulauf durch rechte Fußballfans und Anhänger der Heavy-Metal-Szene. Ideologische Feindbestimmung, hohe Gewaltbereitschaft und das Machtvakuum der Nachwendejahre beförderten die Entgrenzung rechter Gewalt.

Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant*innen und linke Jugendliche von rechten Skinheads zusammengeschlagen. Neonazis überfielen Treffpunkte von Punks wie den „Knast“ in Magdeburg-Neustadt und linke Wohnprojekte. Der Überfall auf die „Elbterassen“ stellte einen traurigen und vorläufigen Höhepunkt dieser rechten Gewaltserie dar.

Auch danach riss die Kette rechter und rassistischer Gewalt in Magdeburg nicht ab. Am Himmelfahrtstag 1994 hetzten Dutzende Neonazis Migrantinnen und Migranten durch die Innenstadt. Erneut griff die Polizei nicht ein. Im Gegenteil: Sie nahm einen Teil der Opfer in Gewahrsam. Der damalige Polizeipräsident Stockmann verharmloste die rassistische Hetzjagd: Alkohol und Sonne hätten dazu geführt, dass einige „über die Strenge schlugen“.

Am 8. Februar 1997 wurde der 17-jährige Frank Böttcher im Stadtteil Neu-Olvenstedt von einem gleichaltrigen Neonazi mit einem Messer angegriffen. Er erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. In der Nacht zum 16. August 2008 verletzte ein Rechtsextremer den 20-jährigen Rick Langenstein in der Nähe der Diskothek „Funpark“ in Magdeburg so schwer, dass er an seinem eigenen Blut erstickte.

Noch immer werden rechte und rassistische Gewalttaten verharmlost, entpolitisiert oder entschuldigt: Damals als Reaktion auf linke Provokationen, heute als Folge einer als bedrohlich beschriebenen Zuwanderung. Noch immer sind in Sachsen-Anhalt nicht alle 13 Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt anerkannt. Noch immer haben die Opfer nur einen prekären – mitunter sogar überhaupt keinen – Platz im öffentlichen Gedächtnis.

Wir gedenken heute Torsten Lamprecht um zu zeigen: Die Opfer rechter Gewalt haben ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte, eine Würde. Wir sind an diesen Ort gekommen, um zu sagen: Torsten, Frank und Rick, ihr seid nicht vergessen. Wir gedenken der Opfer rechter Gewalt – von damals und heute, um daran zu erinnern: Es bleibt eine dauerhafte Arbeit, den Opfern in aller Öffentlichkeit ihre Würde zurück zu geben. Es bleibt eine Aufgabe uns stark zu machen – für eine Gesellschaft, in der alle in Würde und ohne Angst verschieden sein und leben können.

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