„Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe…“

Migrantische Perspektiven auf den Himmelfahrtstag 1994

„Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe…“ So die Aussage eines Migranten nach dem Himmelfahrtstag des Jahres 1994 in Magdeburg.
Am 12. Mai 1994, dem Himmelfahrtstag, jagten 50-60 bewaffnete Neonazis stundenlang Migrant_innen durch die Magdeburger Innenstadt und prügelten auf sie ein.
Der „Verein Nachbarschaftliches Cracau-Prester“ hat im Nachgang der Ereignisse Aussagen von Zeuginnen und Zeugen gesammelt und anonymisiert in einer Broschüre veröffentlicht.
Zum heutigen 23. Jahrestag der Ereignisse veröffentlichen wir Aussagen von Migrantinnen und Migranten zu den Geschehnissen am 12. Mai 1994, die wir dieser Broschüre und den im Internet zugänglichen Medienberichten entnommen haben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Ausgewogenheit, sondern zur Erinnerung der Ereignisse und zur Wahrnehmung der migrantischen Perspektiven.

„Ich war allein. Da hörte ich vom Karstadt her Rufe „Ausländer raus!“. Ich sah Leute weglaufen. Ich sah auch an der Ecke vom Breiten-Weg auf der Karstadt-Seite Leute mit Baseballschlägern und Plastikknüppeln.“
„Ich stand … bis 15.30 Uhr etwa … im Eingang zum Mc-Donalds … Der Lärm wurde immer mehr. Ich sah Leute schnell weglaufen. Plötzlich bekam ich einen Fußtritt von hinten. … Da waren Nazis, und sie riefen: Ausländer raus!“
„Als ich die Straße bei der Ampel in Höhe der Johanniskirche überquerte, war da ein Polizeimann. Der hielt mich fest, riß mich am Hemd.“
„Zwei junge Schwarze, die wohl von den Vorfällen nichts wußten und gerade aus Mc Donalds herauskamen, wurden sofort von den Rechtsradikalen angegriffen und alle Leute, die beim Café Flair saßen, mischten sich in das Gewühl ein. Plötzlich wurde wir auch von Rechtsradikalen umgeben vor den Augen der Polizei.“
„… es gelang ihnen sogar, die Scheiben der Straßenbahn, in der wir uns befanden zu zerschlagen und uns mit Steinen zu bewerfen.“
„Wir kamen zum Breiten Weg – Ausländerbehörde, dort trafen wir auf genausoviel Nazis, die Steine auf uns warfen.“
„Draußen … saßen deutsche junge Männer auf der Terrasse … Als wir vorbeigingen standen die auf und riefen u.a.: Ausländer raus! Dann ging alles ganz schnell: Die Nazis hatten Knüppel und ein paar warfen mit den Stühlen nach uns.“
„Wir wollten in einem Taxi fliehen und wurden nicht mitgenommen.“
„Am nächsten Morgen wurden wir vor 5.00 Uhr entlassen.“
„Niemand hat uns geholfen. Nicht die Polizei, nicht die Bürger von Magdeburg.“
„Seit Donnerstag wissen wir: Es kann jederzeit passieren, am hellichten Tag. Wir könnten getötet werden und keiner würde uns helfen.“
„Ich kann nicht sagen, daß ich keine Angst habe. Aber wir müssen doch frei laufen können. Wie andere Leute.“

Veranstaltungshinweis
„Torsten Lamprecht ist tot!“ Die Stadtgesellschaft und die Erinnerungskultur an die rechte Gewalt der Neunziger Jahre

Unter diesem Titel lädt das Bündnis gegen Rechts Magdeburg zu einer Diskussionsrunde am Mittwoch, dem 17. Mai 2017 um 19.30 Uhr in die Feuerwache (Halberstädter Strasse 140) ein.
1992: Angriff auf die „Elbterrassen“ und Tod von Torsten Lamprecht, 1994: „Himmelfahrtskrawalle“, 1997: tödlicher Angriff auf Frank Böttcher: Die Neunziger Jahre waren ein Jahrzehnt massiver rechter Gewalt. Wir wollen in der Veranstaltung zurückschauen auf diese Zeit zurück- und davon ausgehend auf heute schauen: Was hat sich in der Magdeburger Stadtgesellschaft im Umgang mit rechter Gewalt seitdem verändert? Was müsste noch getan werden?
Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zu der Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

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