„Torsten Lamprecht ist tot!“ Oder: Das Jahr 1992

Gedenkansprache zum 9. Mai 2017

Im Jahr 1992 gab es keinen Tag ohne einen Angriff auf Asylbewerber_innen, Obdachlose oder linke und alternative Jugendliche. In keinem Jahr zuvor gab es so viele rassistische und rechte Angriffe wie 1992. Und in keinem Jahr danach – ausgenommen das Jahr 2016.
In den Monaten vor Torsten Lamprechts Tod gibt es zahlreiche gezielte Angriffe auf das Leben anderer Menschen, verübt von Neonazis. Sie ziehen eine Spur der Gewalt durch das Land. Und immer sind es Einzelfälle, Einzeltaten, Verkettungen unglücklicher Umstände, erklärbar aus der Wirrnis der Zeit. Erst in Rostock-Lichtenhagen im August des gleichen Jahres wird klar, wo diese Gewalt ihren Höhepunkt hat.

Diese Gewalt hat Folgen. Sichtbar für jene, die sie erleiden. Unsichtbar für jene, die nicht angegriffen und verletzt werden, sich aber angegriffen und zutiefst verletzt sehen in ihrem Gefühl von Sicherheit und Lebensfreude. Sie meiden Straßenbahnen zu bestimmten Uhrzeiten, durcheilen im Laufschritt Stadtteile, von denen es heißt, dort gäbe es viele Neonazis. Ihr wacher Blick der Angst gilt den Fahrgästen des Zuges, den Menschen auf der anderen Straßenseite. Droht von dort Gefahr? Gibt es noch einen Ausweg?
Viele ältere Erwachsene rieten den Jüngeren damals, sie sollten sich eben anders kleiden, neutral auftreten, sich unsichtbar machen. Das war gut gemeint. Aber es war falsch. Denn Freiheit von der gerade zu Ende gegangenen Normierung des Alltags in der DDR hieß ja auch (für Punks): sich zu kleiden, wie man es gerade wollte. War nicht der Opportunismus der Anpassung gerade zwei Jahre zuvor gesellschaftlich gescheitert? Die Aufforderung, sich selbst unkenntlich zu machen, selbst wenn es dem Schutz vor Gewalt dienen sollte, spiegelte das Argumentationsschema, in dem rechtsmotivierte Angriffe als Schlägerei unter Jugendlichen abgetan wurden.
Migrant_innen wurde ins Gesicht gesagt, sie mögen bedrohlichen Situationen und Angriffen ausweichen oder sich unsichtbar machen: Dass sprach ihnen Hohn. Das missachtete sie mindestens oder war einfach Rassismus.

Vielstimmig erklang 1992 der Chor jener, bei denen im Falle rechter Gewalttäter_innen Verständnis in Empathie umschlug. Wieder diente als Zusammenhang die Umbruchssituation in der Gesellschaft. Doch Empathie und Verständnis sind zwei verschiedene Dinge. Wem galt das Mitgefühl in dieser Zeit? Zu oft fanden sich die Opfer von Neonazis in der Rolle der Schuldigen wieder. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort oder hatten die Täter_innen durch ihre Anwesenheit oder ihr Aussehen oder ihr Handeln provoziert. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist ein Muster, welches sich bis heute erhalten hat, wo es eigentlich darum geht, die Vorgänge beim Namen zu nennen: Rassismus und Neonazismus.

All dies bildet die Kulisse für das, was am 9. Mai 1992 auf den Elbterrassen geschieht. Zuerst gibt es einen fingierten Notruf bei der Polizei, der den neonazistischen Skinheads das Feld bereitet. Dann stürmen 60 neonazistische Skinheads die Geburtstagsparty der Punks im Gartenlokal „Elbterrassen“. Von drei Seiten greifen die Nazis an. Sie haben Eisenstangen, Flaschen, Messer, Steine. Flucht ist fast unmöglich. Nach 15 Minuten ist alles vorbei. Es gibt Verletzte. Am 11. Mai erliegt Torsten Lamprecht seinen Verletzungen. Zurück bleiben Scherben, Angst, Tod und Traumatisierung.

Der Tod Torsten Lamprechts ist ein Lehrstück für den Umgang der Gesellschaft mit rechter Gewalt in den 1990er Jahren. In den kommenden Jahren werden wir viele ähnlich lautende Argumente von Polizei, Politiker_innen und Sozialarbeiter_innen hören. In vielen Fällen werden in der öffentlichen Debatte die gleichen Stereotype aufscheinen: Jugendgewalt unter Alkoholeinfluss als zeitlich absehbares oder vorübergehendes Phänomen, Frustration über Arbeits- und Ausbildungsplatzmangel, der ungewohnte Umgang mit Fremden. Der sich entladenden Gewalt wird vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Desorientierung und Verunsicherung eine regelrechte Zwangsläufigkeit attestiert.
Zentral war dabei die Entpolitisierung der Motivlage der Anwendung von Gewalt. Wenn die Stereotype auserzählt waren, kam zu oft das Schweigen für die Opfer und auch das Vergessen all jener, die nicht zu den unmittelbar Betroffenen zählten.

Heute, fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod Torsten Lamprechts ist vieles anders. Anders als damals hat heute fast jeder ein Telefon in der Tasche. Anders als damals gibt es heute professionelle Hilfe für Menschen, die zu Opfern rechter Gewalt werden. Anders als damals gibt es heute mehr Vernetzung unter jenen, die sensibel für die Vorzeichen rechter und rassistischer Gewalt sind. Anders als damals gibt es heute keine rechten Skinheads mehr.
Was es immer noch gibt, sind rechte und rassistisch motivierte Gewalttaten und Täter, und es sind nicht weniger als 1992. Was es immer noch gibt, sind Angriffe auf Obdachlose, Flüchtlinge und politisch engagierte Menschen, und es sind nicht weniger als 1992. Was es immer noch gibt, sind Neonazis, die stolz auf ihre Menschenverachtung sind, und es sind nicht weniger als 1992. Was es immer noch gibt, sind Menschen, die Beifall klatschen, wenn andere zuschlagen. Nur jetzt eben bei Facebook, und es sind nicht weniger als 1992.

An Torsten Lamprecht zu erinnern heißt, nicht zu resignieren vor der sichtbaren und der unsichtbaren Präsenz rechter und rassistischer Gewalt.
An Torsten Lamprecht zu erinnern heißt, nicht blind zu werden für neue Formen oder Vorstufen rechter Gewalt.
An Torsten Lamprecht zu erinnern heißt: Es braucht ein Durchhalten und die präzise Beschreibung der Umstände unter denen rechte Gewalt möglich wird.
Deshalb sind wir heute hier.“

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