8. Februar 2016

160208 Frank Böttcher„Wir stehen hier an dem Ort, an welchem Frank Böttcher am 8. Februar 1997 zu Tode kam. Die Erinnerung an Frank Böttcher an diesem Ort war umkämpft. Als der „Arbeitskreis Antifaschismus“ und das „Bündnis gegen Rechts“ im März 1997 die Aufstellung eines Gedenksteins anregten, stieß dies auf Skepsis und Widerstand. Technisch undurchführbar sei die Idee, hieß es. Eine unnötige Provokation der Bewohner von Olvenstedt, sagten andere. Der Frage, welche Form des Gedenkens an Frank Böttcher angemessen sei, beschäftigte den Landtag, den Stadtrat, die Kirchen, den Jugendhilfeausschuss, die Punkszene und die MVB.
Immer ging es auch um die Frage: Was war hier passiert? Eine Schlägerei zwischen rivalisierenden Jugendbanden oder ein rechtsextremer Überfall mit tödlichem Ausgang? Von deren Beantwortung hing ab, ob es sinnvoll sei, einen Gedenkort für Frank Böttcher zu schaffen. Dass es gegen manche Widerstände zu diesem Gedenkstein hier kam, war keineswegs selbstverständlich. … Die Debatte um Rassismus und Rechtsextremismus war in einer Sackgasse. Es schien, als fände die Erinnerung an ein Opfer rechter Gewalt in Magdeburg keinen Ort. Keinen Grabstein, keinen Gedenkort.
Dass es dann doch anders kam, ist vielen zu verdanken. Umsichtig und ohne öffentliches Aufsehen trugen die Bürgerinitiative Olvenstedt, die evangelische Kirche, die Mitglieder des Landtages Matthias Gärtner, Hans Jochen Tschiche und Dieter Steinecke auf je ihre Weise dazu bei, Frank Böttcher die Würde des Gedenkens und des Ansehens zu geben. Dieses stille Wirken war keine Selbstverständlichkeit und ist gerade deshalb Anlass zu dankbarer Rückschau.
Die Ursachen und Voraussetzungen des Todes von Frank Böttcher wurden an dieser Stelle vielfach benannt. Sie existieren fort. Heute sind es keine Skinheads mehr, die Jagd auf Migrant_innen machen, sondern Neonazis und rechte Hooligans. Der Tod Frank Böttchers erinnert auch daran, wie fragil die offene Gesellschaft, ein Leben ohne Angst für jeden sein kann.
Nicht wenige von denen, die heute behaupten in „Bürgerwehren“ das Recht auf angstfreie Bewegungsfreiheit zu verteidigen, würden nicht zögern, Gewalt zu üben gegenüber Migranten, Punks oder Obdachlosen. Der Tod von Frank Böttcher erinnert daran, welch hohe Güter Respekt, Empathie und Gewaltfreiheit sind. Und dass es sich lohnt, aber auch notwendig bleibt, sich über manche Grenzen hinweg für eine offene und menschenfreundliche Gesellschaft einzusetzen.
(aus unserer Gedenkrede zum 19. Todestag von Frank Böttcher am 8. Februar 2016)

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