1. März 2015

150301 Gedenken Holzweg„Für das Jahr 1417 werden erstmal Sinti als Bewohnerinnen und Bewohner Magdeburgs überliefert. Als Schausteller und Gewerbetreibende waren sie Jahrhunderte fester Teil der Stadtbevölkerung. In den 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre lebten Sinti-Familien in Mietwohnungen und auf einem Wagenplatz an der Elbe nahe Fermersleben. Immer wieder waren sie Drangsalierungen, Diskriminierungen und polizeilicher Verfolgung ausgesetzt.
Vor 80 Jahren, am 4. März 1935, erfolgte ein weiterer Schritt hin zur endgültigen Ausgrenzung aus der Stadtgesellschaft. Die Stadtdezernenten beschließen: „Die Zigeuner, die bisher auf einem Platze am Elbweg in Fermersleben untergebracht sind, werden auf den Stadteigenen Geländestreifen an der Großen Sülze zwischen Holzweg und Ebendorfer Chausse verlegt.“ Begründet wird die drastische Maßnahme mit „Unerträglichkeiten“ durch die bisherige Nähe zu den Häusern der Magdeburger Mehrheitsbevölkerung. Nach und nach werden auch die zur Miete wohnenden Sinti gezwungen, in das Lager am Rande der Stadt umzuziehen.
Das Leben im sogenannten Zigeunerlager ist menschenunwürdig. Der Ackerstreifen ist unbefestigt. Regen und Schnee verwandeln den Platz in eine Schlammlandschaft. Immer wieder kommt es zu Überschwemmungen durch das nah gelegene Flüsschen Sülze. Die fast 200 Sinti – unter ihnen 125 Kinder – wohnen in baufälligen Wohnwagen und notdürftig zusammengezimmerten Bretterbuden. Ab 1939 dürfen Sinti das Lager nur noch im Rahmen von Zwangsrekrutierungen zu Hilfsarbeiten verlassen.
Am 1. März 1943 wird das „Zigeunerlager“ in einer gemeinsamen Aktion von Gestapo und Polizei aufgelöst und sämtliche Bewohner verhaftet. Mit 10 bis 15 Lastwagen werden sie zum Magdeburger Polizeipräsidium gebracht. Einige wenige Sinti, die noch nicht im Lager gelebt haben, werden von der Polizei gewaltsam aus ihren Wohnungen gezerrt und ebenfalls im Polizeipräsidium inhaftiert. Zusammen mit weiteren Sinti aus der Region werden die Bewohnerinnen und Bewohner des Lagers am nächsten Tag mit einem Güterzug nach Auschwitz deportiert. Von 470 Deportierten überlebten 340 den Holocaust nicht.
Ihrer gedenken wir heute. Zugleich erinnern wir an die Verfolgung und Diskriminierung von Sinti und Roma auch nach 1945. Jahrzehntelang mussten sie um die Anerkennung als rassisch Verfolgte und um Entschädigungen kämpfen ebenso wie um die Anerkennung ihrer deutschen Staatsbürgerschaft. Trotz romantisierender Klischees hielten es viele für ratsam, ihre Identität als Sinti für sich zu behalten. Erst 1998 wurden sie als nationale Minderheit in Deutschland anerkannt.
Und heute? Noch immer werden Sinti und Roma als Zigeuner und Kriminelle diskriminiert. Laut einer jüngsten Studie haben 55% der Deutschen ein Problem damit, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Nähe aufhalten. 55% meinen, Sinti und Roma würden zur Kriminalität neigen. Und fast die Hälfte der Befragten möchten Sinti und Roma aus den Innenstädten verbannen. Zugleich erleben wir seit Jahren eine Debatte, in der Roma-Familien aus Südosteuropa als Wirtschaftsflüchtlinge und Asylbetrüger denunziert werden. Und auch bei den sogenannten MAGIDA-Spaziergängen wird gegen Roma gehetzt.
Dem heißt es, sich entgegenzustellen und Solidarität mit den Diskriminierten zu üben. Das sind wir den Sinti schuldig, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Das sind wir jenen schuldig, die nach 1945 um ihre Anerkennung als Opfer und um ihre gesellschaftliche Teilhabe kämpfen mussten. Das sind wir jenen schuldig, die heute wieder als Zigeuner diskriminiert werden. Das sind wir uns und unserer Menschlichkeit schuldig.“
(Aus der Gedenkrede am 1. März 2015)

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