Gedenken an Torsten Lamprecht

Gedenken Torsten Lamprecht 130511„Am Abend des 9. Mai 1992 feierten etwa 30 Jugendliche … den Geburtstag eines Freundes in der Gaststätte „Elbterassen“ … Kurz vor Mitternacht reißen etwa 60 Neonazis das Tor zum Gelände auf. Sie schlagen unvermittelt mit Baseballschlägern auf die Feiernden ein. … Während des 30-minütigen Angriffs rufen die Neonazis immer wieder Parolen wie „Heil Hitler!“ und „Sieg Heil!“.
Der Betreiber der „Elbterassen“ schildert später seine Eindrücke des Überfalls: „Keiner von uns wusste, was hier eigentlich passierte. Es war, als ob ein Krieg ausbrach.“ Da das Telefon nicht funktioniert, klettert er über eine Mauer um Hilfe zu holen. In einer Nebenstraße trifft er auf Streifenpolizisten. Diese verweigern jedoch die Unterstützung mit den Worten „Wir sind zuwenig Leute.“ Erst als die Angreifer bereits weg sind, trifft die Verstärkung der Polizei ein. Dort versorgen bereits Notärzte die zum Teil schwerverletzten Partygäste. Acht von ihnen müssen in ein Krankenhaus eingeliefert werden – darunter Torsten Lamprecht. Er erliegt am 11. Mai 1992 seiner schweren Schädelfraktur.
In den folgenden Wochen gab es in Magdeburg heftige Diskussionen über den brutalen Überfall. Schließlich musste die Polizeiführung eingestehen, dass die vor Ort befindlichen Beamten es versäumt hatten, Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
Von den 60 Angreifern wurden nur 18 angeklagt. Selbst im Prozess beleidigten sie die als Zeugen geladenen Punks als „Zecken“. Ein 24-jähriger Neonazi wurde im Februar 1995 vom Landgericht Magdeburg zu vier Jahren Haft verurteilt. …
Immer wieder wurden Anfang der 1990er Jahre Punks, Migrant_innen und linke Jugendliche von rechten Skinheads zusammengeschlagen. … Der Überfall auf die „Elbterassen“ stellte den traurigen Höhepunkt dieser rechten Gewaltserie dar. … Auch danach riss die Kette rechter und rassistischer Gewalt in Magdeburg nicht ab. Am Himmelfahrtstag 1994 hetzten Dutzende Neonazis Migrantinnen und Migranten durch die Innenstadt. …
Noch immer sind in Sachsen-Anhalt nicht alle 13 Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt anerkannt. Noch immer haben die Opfer nur einen prekären – mitunter sogar überhaupt keinen – Platz im öffentlichen Gedächtnis.
Wir gedenken heute Torsten Lamprecht um zu zeigen: Die Opfer rechter Gewalt haben ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte, eine Würde. Eben dies wollen ihnen die rechten Täter nehmen, wenn sie von ihren Opfer abfällig als „Zecken“, „Neger“ und „Ausländerdreck“ sprechen.
Erfreulicherweise hat der Stadtrat in Magdeburg letzte Woche beschlossen, einen Teil der Burchardstraße in Torsten-Lamprecht-Weg umzubenennen und eine Gedenktafel zu errichten. Ebenfalls sollte endlich der Gedenkstein für Frank Böttcher erneuert werden. Es braucht diese Gedenkorte, um wieder und wieder hierher zu kommen. Um zu sagen: Torsten, Frank und Rick, ihr seid nicht vergessen. Nicht nur die Morde des NSU, auch die alltäglichen rechten Angriffe und Beleidigungen erinnern uns daran, dass es eine dauerhafte Arbeit bleibt, den Opfern in aller Öffentlichkeit ihre Würde zurück zu geben.
(Aus der Rede beim Gedenken am 11. Mai 2013)

Artikel der Magdeburger Volksstimme vom 13.05.2013

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