„Bleib erschütterbar und widersteh“

Gedanken zum Jahreswechsel

Für uns beginnen und enden die Kalenderjahre immer gleich: mit den Vorbereitungen der Proteste gegen den jährlich größten Neonaziaufmarsch in Magdeburg.
Mit der „4. Meile der Demokratie“ am 14. Januar mit zahlreichen neuen Beteiligten und Aktivitäten ist unser Protest zu Beginn dieses Jahres eindeutig über den Breiten Weg hinausgewachsen. Der Tag brachte uns rund 10.000 Protestierende, eine erfolgreiche friedliche Blockade, Hamburger Gitter an der Strecke der Neonazidemo und eine Eskalation der Gewalt am Abend.
Die Diskussion um geeignete und erfolgreiche Protestformen hat um diesen Tag herum einen neuen Anlauf genommen und uns seitdem immer wieder beschäftigt. Deutlich wurde, dass es für unterschiedliche Zielgruppen auch unterschiedliche Protestformen braucht, ein Bemühen um Gewaltfreiheit und vor allem gegenseitigen Respekt.

Das Gedenken nimmt insgesamt im Laufe des Jahres einen breiten Raum ein: Das Gedenken an Deportationen am 1. März und 9. und 18. November und natürlich das Gedenken an die Todesopfer rechter Gewalt in Magdeburg: Der 20. Todestag von Torsten Lamprecht am 9. Mai, der 15. Todestag von Frank Böttcher am 8. Februar, der vierte Todestag von Rick Langenstein am 16. August. Doch trotz aller Bemühungen haben wir das Geld für die Gedenksteine immer noch nicht beisammen.

Die Diskussionen um die Taten des sog. „Nationalsozialistischen Untergrundes“ und ihre (Nicht-)Aufdeckung nahmen in der Öffentlichkeit einen breiten Raum ein.  Herr Duc zeigt uns anlässlich der Kundgebung „Das Problem heißt Rassismus“ am 4. November die ganze Dramatik des Versagens der zuständigen Behörden.

Unsere größte Aktion nach den Protesten am 14. Januar war der Protest gegen die sog. „NPD-Deutschlandfahrt“ am 8. August, für den sehr kurzfristigen Aufruf mitten in der Ferienzeit eine beeindruckende Mobilisierung von rund 400 Menschen. Am 7. April waren wir demgegenüber nur sehr wenige, die im Schneeregen die sich als Kinderfreunde gerierenden Neonazis wahrnahmen.

Neben diesen Protesten haben in 2012 zahlreiche Veranstaltungen, Diskussionen und Vorträge stattgefunden, an denen das Bündnis gegen Rechts und Mitglieder des Bündnisses mitgewirkt haben – mit z.T. neuen Akteur_innen und Kooperationspartnern (wie z.B. beim Vortrag von Prof. Zick am 4. April im Rathaus).

Mit „otto greift ein“, das im April 2012 gestartet ist, positionieren sich die Stadt Magdeburg und ihre Bürger_innen eindeutig für Zivilcourage. Die Kooperationspartner und Teilnehmenden sind bei den Workshops und Aktionen engagiert bei der Sache. Allerdings waren bisher einzig die Workshops in den Alten- und Servicezentren ausgebucht. Da ist also noch Potenzial. (Beim Wettbewerb „Kunststück Courage“ kann man noch bis zum 4. Januar teilnehmen.)

Eines gilt wohl zum Ende dieses Jahres wie zu seinem Beginn: Unser Engagement braucht einen langen Atem und muss weitergehen. Manches ist erreicht, manches steht noch aus. Wir können und müssen weiter gehen, über andere Aktionsformen nachdenken, neue Ziele setzen, neue Kooperationspartner und Akteur_innen dazugewinnen. Ob wir dem gewachsen sind, wird sich möglicherweise schon am 12. und 19. Januar zeigen. Es gilt auch für 2013:

„Widersteht! im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr,

leicht und jäh – – –
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh“
(aus Peter Rühmkorff: Bleib erschütterbar und widersteh)

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