20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen: Das Problem heißt Rassismus

Vor 20 Jahren eskalierten im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen die Angriffe eines rassistischen Mobs auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende und eine benachbarte Vertragsarbeiter_innen-Unterkunft zum größten Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte. Über drei Tage griffen mehrere hundert Menschen die Unterkünfte der Flüchtlinge und Vertragsarbeiter_innen mit Steinen und Molotow-Cocktails an. Unter den Angreifer_innen befanden sich organisierte und nicht organisierte Nazis, Jugendliche, Anwohner_innen begleitet von tausenden sog. Schaulustigen.

Rostock-Lichtenhagen ist jedoch kein Einzelfall, sondern ein trauriger Höhepunkt einer rassistisch aufgeladenen Stimmung Anfang der Neunziger Jahre im wiedervereinigten Deutschland. Assistiert vor allem durch Boulevardmedien wurde eine Bedrohung Deutschlands durch eine „Flut“ von „Schein- und Wirtschaftsasylanten“ inszeniert, die angeblich das Grundrecht auf Asyl „missbrauchen“ und „den Deutschen auf der Tasche liegen“ würden.

Rassismus und andere Herrschaftsmechanismen sind nicht auf Nazis abzuwälzen, sondern entspringen der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Ein breites Bündnis ruft deshalb zum Gedenken an die Vorgänge in Rostock-Lichtenhagen und zu einer Demonstration am 25. August in Rostock-Lichtenhagen auf:

„…wir können nicht hinnehmen, dass Rassismus und Nazigewalt weiterhin verschwiegen, verharmlost oder nicht als solche (an)erkannt werden. Wir fordern Rassismus beim Namen zu nennen. Dies bedeutet auch die Anerkennung und Unterstützung der Betroffenen von Diskriminierung und Rassismus. Wir fordern die offizielle Anerkennung der Todesopfer neonazistischer Gewalt. Wir fordern die Einrichtung einer staatsunabhängigen Beobachtungsstelle für Nazi-Umtriebe. Wir fordern die Abschaffung der Ämter des Verfassungsschutzes. Wir fordern die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen. Uneingeschränktes Bleiberecht für alle!“

Nähere Infos und der vollständige Aufruf hier.

Am 8. August wird dazu um 19:00 Uhr eine Mobilisierungsveranstaltung mit Zeitzeugengesprächen im einewelthaus stattfinden.

„Rostock markiert eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seit dieser Nacht steht nicht nur das Grundrecht auf Asyl zur Disposition, sondern für bestimmte Leute auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Ein Bruch, der wohl erst im Rückblick in seiner ganzen Dimension erkannt werden dürfte.“ (Jürgen Gottschlicht in der taz vom 26.08.1992)

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