Straßenbahn für Vielfalt eingeweiht

Eine neue Straßenbahn in Magdeburg fragt ihre Fahrgäste:
„Neben wem wollen Sie sitzen?“

Magdeburg kann als vermutlich erste Großstadt auf eine Straßenbahn für Vielfalt verweisen. In Anwesenheit der Integrationsbeauftragten des Landesregierung, Kommunalpolitiker/innen, dem Polizeipräsideten sowie Vertreter/innen beider Kirchen wurde die Straßenbahn am Montag feierlich eingeweiht. Sie dient damit für die nächsten zwei Jahre als Plattform für kreative Aktionen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Spenden von Sponsoren sowie Gelder aus dem Lokalen Aktionsplan ermöglichten die Realisierung der Idee.

Straßenbahn für Vielfalt

Neben wem wollen Sie sitzen? Neben der Sonnenanbeterin, dem Kleingärtner, dem Schreikind oder doch lieber der Ordensschwester?
Jedes Mal, wenn wir eine Straßenbahn oder einen Bus betreten, treffen wir – bewusst oder unbewusst – solch eine Entscheidung. Straßenbahnen und Busse sind Orte der Begegnung unterschiedlicher Menschen. Die Vielfalt der Menschheit trifft sich in einer Straßenbahn. Doch Straßenbahnen und Busse sind auch Angstorte und Orte von fremdenfeindlichen Pöbeleien und rassistischen Angriffen auf Fahrgäste. Es gibt Menschen, die deshalb Angst haben, Straßenbahn zu fahren, oder es gar vermeiden.
Weil wir uns damit nicht abfinden, sondern lieber die Vielfalt genießen und Straßenbahnen zu Orten menschenfreundlicher Begegnungen machen wollen, haben wir eine besondere Straßenbahn aufs Gleis gesetzt.

Wir – das ist die ökumenische Initiative „hingucken… denken… einmischen“ in Magdeburg, eine Gruppe von Christinnen und Christen, die sich im letzten Jahr gefunden hat, um mit einer Ausstellung gegen die Eröffnung des Thor Steinar-Ladens im Magdeburger Hundertwasserhaus zu protestieren.
Die Straßenbahn ist nach der Ausstellung das zweite große Projekt unserer Initiative. Die Idee dazu hatten wir bereits im letzten Jahr. Doch bis das Konzept entwickelt, die Kooperation mit den Verkehrsbetrieben geschlossen und die Finanzierung geklärt war, brauchte es seine Zeit sowie die Unterstützung von unterschiedlichen Menschen, Organisationen und Einrichtungen (Danke!). Aus der verrückten Idee Weniger ist mit viel Engagement eine besondere Straßenbahn für die gesamte Stadt geworden.
Die Gestaltung der Bahn regt augenzwinkernd dazu an, Menschen bewusster wahrzunehmen. Vielleicht sieht ein Kleingärtner ganz anders aus, als ich es erwarte, vielleicht ist die Frau neben mir Professorin oder Geheimagentin. Wie schnell sortieren wir die Menschen um uns herum in Schubladen. Die Straßenbahn soll uns helfen, die Menschen als Individuen wahrzunehmen, als Menschen und nicht als stereotype Gruppen oder Feindbilder. „Vielfalt gemeinsam erleben: einsteigen bitte!“ steht in Anlehnung an das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs über den Türen der Bahn.
Heute nun wurde diese besondere Straßenbahn ihrer Bestimmung übergeben. Gekommen waren dazu zahlreiche Vertreter/innen von Stadt und Land, Kirchen und Polizei, Finanziers und Unterstützer/innen, Freund/innen sowie Fahrgäste. Susi Möbbeck, Integrationsbeauftragte des Landes Sachsen-Anhalt, lobte, dass die Straßenbahn mit ihrer Botschaft für Toleranz alle Menschen in Magdeburg erreichen kann und nicht nur einen kleinen Kreis von Interessierten.
Jetzt wird die Bahn in den normalen Betrieb aufgenommen und die unterschiedlichen Menschen befördern und zum Nachdenken anregen. Doch sie soll auch einen „unnormalen Betrieb“ bekommen: Die Straßenbahn soll zu einer Plattform für zahlreiche Initiativen und Aktivitäten für eine menschenfreundliche Vielfalt in Magdeburg werden. Ob nun Lesungen, Flyer, kurze Theaterszenen oder andere Aktionen: Die Straßenbahn soll auch ein Ort werden, an dem das Engagement für Vielfalt sowie gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus sichtbar wird. (Wer sich beteiligen möchte, kann mit uns per Email hinguckendenkeneinmischen@gmx.de Kontakt aufnehmen.)
Wir wünschen der Bahn und ihren Fahrgästen allzeit gute und angstfreie Fahrt und hoffen, dass sie und alle anderen Straßenbahnen und Busse in Magdeburg ein Ort der menschenfreundlichen Begegnung werden, in der Menschen ohne Angst vielfältig und verschieden sein dürfen, vom Kleingärtner oder Schreikind bis hin zur Ordensschwester. 

Mehr Infos zur Initiative: http://www.hingucken-denken-einmischen.de

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